Autor: Simone Zaugg

  • Wieviel kostet die Minderung von Treibhausgasen in der Landwirtschaft?

    Wieviel kostet die Minderung von Treibhausgasen in der Landwirtschaft?

    Für die Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung braucht es kosteneffiziente Massnahmen zur Treibhausgasminderung. Eine Agroscope-Studie zeigt, welche technischen Massnahmen wirksam sind, und wie stark die Kosten von der Umsetzung beeinflusst werden.  

    Um das Netto-Null-Emissionsziel zu erreichen, will die Schweiz die Treibhausgasemissionen der landwirtschaftlichen Produktion bis 2050 gegenüber 1990 um 40 % senken. Da die Emissionen in den letzten Jahren kaum zurückgingen, braucht es weitere, möglichst kosteneffiziente Massnahmen zur Emissionsminderung und Kohlenstoffbindung. Diese Studie fokussierte auf Massnahmen, die nur geringe Veränderungen in der Struktur der Betriebe und der Schweizer Landwirtschaft zur Folge hätten.

    Vier Massnahmen immer kosteneffizient

    Die Forschenden analysierten zwölf, grösstenteils produktionsseitige, technische Massnahmen mit jeweils bis zu drei verschiedenen Umsetzungsvarianten. Vier Massnahmen erwiesen sich dabei stets als kosteneffizient:

    1. die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moorböden
    2. Futtermittelzusätze zur Reduktion von Methanemissionen bei Wiederkäuern
    3. eine erhöhte Nutzungsdauer von Milchkühen
    4. die stickstoffoptimierte Fütterung von Schweinen.

    Gemeinsam erreichten die kosteneffizienten Massnahmen ein Minderungspotenzial von 11−18 % im Vergleich zu 1990 (minus 797−1379 Kilotonnen Kohlendioxid-Äquivalente).

    Kosten variieren je nach Annahmen deutlich

    Die Gesamtkosten aller untersuchten Massnahmen schwankten je nach Annahmen zur Umsetzung zwischen 87 und 1124 Millionen Franken pro Jahr. Besonders deutlich zeigte sich dies bei Agroforstsystemen und Biogasanlagen (z. B. aufgrund unterschiedlicher Anlagegrössen). Die Studie macht damit deutlich, dass Kostenangaben nur im Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Annahmen sinnvoll interpretiert werden können. Daher ist es wichtig, diese stets transparent aufzuzeigen.

    Gesamtkosten aus Sicht der Landwirtschaft berechnet

    Für jedes Szenario wurden die Gesamtkosten der Massnahmen berechnet, unabhängig davon, wer die Kosten trägt (z.B. Landwirtschaft, Kanton oder Bund). Dies erlaubt einen Vergleich der totalen Kosten unabhängig davon, ob eine Massnahme aktuell staatlich unterstützt wird oder nicht.

    Nutzen für Planung und Agrarpolitik

    Der Vergleich zwischen verschiedenen Kostenszenarien bildet eine wertvolle Grundlage, um die Umsetzung von Massnahmen und die entsprechenden Förderinstrumente möglichst effizient zu gestalten. Der Mehrwert dieser Studie liegt somit nicht in erster Linie bei der exakten Bestimmung von Reduktionskosten, sondern vielmehr in einem vertieften Verständnis der ökonomischen Grundlagen und Rahmenbedingungen im Verhältnis zu den potenziellen Treibhausgasminderungen.

    Strukturelle Massnahmen eventuell kosteneffizienter

    Frühere Studien deuteten darauf hin, dass strukturelle Massnahmen, etwa eine Verringerung der Tierzahlen, aus volkswirtschaftlicher Sicht kosteneffizienter wären. Eine weitere Untersuchung struktureller Massnahmen auf Ebene des Ernährungssystems wäre daher eine wichtige Voraussetzung, um die gesellschaftlichen Kosten des landwirtschaftlichen Klimaschutzes besser zu verstehen. Da solche Massnahmen zahlreiche Akteure und Prozesse betreffen, ist die Quantifizierung der Gesamtkosten jedoch aufwändig und erfordert komplexe Modelle.

    Gegenüberstellung mit Folgekosten des Klimawandels

    Im Rahmen einer volkswirtschaftlichen Gesamtbilanz sollten die Kosten von Treibhausgasreduktionsmassnahmen jeweils den Folgekosten der Treibhausgasemissionen und somit den Folgekosten des Klimawandels gegenübergestellt werden. Sie könnten gemäss einer früheren Untersuchung für das Schweizer Landwirtschafts- und Ernährungssystem 3- bis 35-mal so hoch wie die in dieser Studie für die technischen Massnahmen geschätzten Kosten ausfallen (De Luca & Müller 2025).

    Fazit

    • Vier technische Massnahmen erwiesen sich immer als kosteneffizient: Wiedervernässung von Moorböden, Futtermittelzusätze, längere Nutzungsdauer von Milchkühen und stickstoffoptimierte Schweinefütterung.
    • Mit kosteneffizienten Massnahmen könnte ein Minderungspotenzial von 11–18 % im Vergleich zu 1990 (minus 797–1379 Kilotonnen Kohlendioxid-Äquivalente) erreicht werden.
    • Unterschiedliche Annahmen zur Umsetzung von Klimaschutzmassnahmen in der Landwirtschaft haben einen grossen Einfluss auf die entsprechenden Kosten.
    • Transparente Kommunikation der Annahmen ist entscheidend, damit Kostenvergleiche zwischen Massnahmen nachvollziehbar bleiben.
    • Die Ergebnisse liefern eine Grundlage für die Ausgestaltung von Klimaschutzmassnahmen und Förderinstrumenten in der Schweizer Landwirtschaft.

  • Arbeitsbelastung auf Landwirtschaftsbetrieben aussagekräftiger erfassen als mit einfachen Berechnungen

    Arbeitsbelastung auf Landwirtschaftsbetrieben aussagekräftiger erfassen als mit einfachen Berechnungen

    Die Arbeitsbelastung auf einem Landwirtschaftsbetrieb lässt sich nicht allein anhand der Arbeitszeit, der verfügbaren Arbeitskräfte oder mit Modellberechnungen bestimmen. Eine Studie mit 571 Schweizer Landwirtschaftsbetrieben zeigt deutliche Unterschiede zwischen der gemessenen und der wahrgenommenen Arbeitsbelastung.

    Die Arbeitsbelastung auf Landwirtschaftsbetrieben ist ein zentraler Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit, da sie das Wohlbefinden der Landwirtinnen und Landwirte, die Attraktivität des Berufs und das langfristige Überleben der Betriebe beeinflusst. Die Nachhaltigkeitsbewertung stützt sich häufig auf Indikatoren, die sich einfach berechnen lassen, anstatt auf Indikatoren, die widerspiegeln, wie die Arbeit tatsächlich erlebt wird. Wird eine Messgrösse stellvertretend verwendet, besteht die Gefahr, dass Betriebe nicht erkannt werden, deren Arbeitsbelastung aus sozialer Sicht als nicht nachhaltig empfunden wird.

    Drei Indikatoren, drei unterschiedliche Dimensionen

    Für die Studie wurden Daten von 571 Schweizer Landwirtschaftsbetrieben aus dem Agrarpolitischen Informationssystem (AGIS), dem Modell LabourScope sowie einer Online-Befragung von Landwirtinnen und Landwirten aus dem Jahr 2025 zusammengeführt. Verglichen wurden drei Messgrössen: die von den Landwirtinnen und Landwirten selbst angegebene Arbeitszeit, die auf dem Betrieb verfügbaren Arbeitskräfte sowie die anhand des modellierten Arbeitszeitbedarfs geschätzte Arbeitszeit. Die von den Landwirtinnen und Landwirten wahrgenommene Arbeitsbelastung wurde als Proxy-Indikator für die soziale Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit herangezogen. Untersucht wurde, inwieweit die drei Messgrössen miteinander übereinstimmen und in welchem Zusammenhang sie mit der wahrgenommenen Arbeitsbelastung stehen. Dabei wurden sowohl unterschiedliche Betriebstypen als auch unterschiedliche Grade der Diversifizierung berücksichtigt.

    Die Indikatoren sind nicht austauschbar

    Die drei Messgrössen zeigten eine geringe Übereinstimmung untereinander. Dies bestätigt, dass sie unterschiedliche Aspekte der Arbeitsbelastung erfassen. Die selbst angegebene Arbeitszeit wies den stärksten und robustesten Zusammenhang mit der wahrgenommenen Arbeitsbelastung auf. Bei der modellierten Arbeitszeit zeigte sich dagegen kaum oder gar kein Zusammenhang. Die verfügbaren Arbeitskräfte korrelierten uneinheitlich und insgesamt schwächer. Auch zwischen den verschiedenen Betriebstypen und je nach Grad der Diversifizierung zeigten sich deutliche Unterschiede. Die selbst angegebene Arbeitszeit erwies sich insbesondere bei Ackerbaubetrieben und Mutterkuhbetrieben als aussagekräftig. Bei Milchviehbetrieben deckte sich keine der drei Grössen mit der wahrgenommenen Arbeitsbelastung, obwohl diese Betriebe die längsten Arbeitszeiten angaben. Dies deutet darauf hin, dass neben der Gesamtarbeitszeit auch Faktoren wie Arbeitsorganisation, Arbeitsroutinen, zeitliche Flexibilität und Autonomie, finanzielle Sicherheit sowie soziale Einbindung eine wichtige Rolle spielen.

    Folgerungen für Politik, Praxis und Forschung

    Das Monitoring der Arbeitsbelastung sollte sich am jeweiligen Ziel orientieren. Modellierte Arbeitszeiten eignen sich dazu, den Zeitbedarf für bestimmte Tätigkeiten abzuschätzen, die verfügbaren Arbeitskräfte geben Aufschluss über die Arbeitskapazität eines Betriebs und die selbst angegebene Arbeitszeit bildet die tatsächlich geleistete Arbeitszeit ab. Wenn das Ziel darin besteht, eine übermässige Belastung zu vermeiden, ist die wahrgenommene Belastung entscheidend, die am besten beschrieben wird durch die selbst angegebene Arbeitszeit, kombiniert mit einer kurzen Bewertung der Belastung durch die Betroffenen.

    Nationale Monitoring-Systeme zu Landwirtschaftsbetrieben und Nachhaltigkeit sollten deshalb ergänzt werden mit einem Indikator, der auf der wahrgenommenen Arbeitsbelastung beruht. Insbesondere zur wahrgenommenen Arbeitsbelastung auf Milchviehbetrieben besteht weiterer Forschungsbedarf. Eine Untersuchung der strukturellen und psychosozialen Faktoren kann dazu beitragen, besser zu verstehen, wie Milchviehhaltende ihre Arbeitsbelastung erleben. Die landwirtschaftliche Beratung kann Messgrössen zur Arbeitszeit und Arbeitsbelastung nutzen, um zu entscheiden, ob ein Betrieb eine bessere Arbeitsplanung, zusätzliche Arbeitskräfte, eine Neuorganisation der Arbeit, eine stärkere Mechanisierung oder Unterstützung im Bereich des allgemeinen Wohlbefindens benötigt.

    Fazit

    • Die Studie zeigt, dass kein einzelner Indikator die wahrgenommene Arbeitsbelastung vollständig abbildet und als alleinige Grundlage für die Beurteilung der sozialen Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Arbeit dienen kann.
    • Die angegebene Arbeitszeit, die verfügbaren Arbeitskräfte und der modellierte Arbeitszeitbedarf beantworten unterschiedliche Fragen. In dieser Studie erwies sich die selbst angegebene Arbeitszeit als der konsistenteste Proxy-Indikator für die wahrgenommene Arbeitsbelastung.
    • Die Indikatoren von Monitoring-Systemen sollten deshalb auf die Ziele abgestimmt werden. Wenn es darum geht, eine übermässige Arbeitsbelastung zu erkennen, sollte die Wahrnehmung der Landwirtinnen und Landwirte direkt erfasst werden. Strukturelle und modellbasierte Kennzahlen bleiben wichtige Instrumente für die Arbeitsplanung, sollten jedoch nicht als Ersatz für die wahrgenommene Arbeitsbelastung betrachtet werden.
    • Ein mehrdimensionaler Ansatz, der den Betriebstyp berücksichtigt, würde eine fundiertere Grundlage für die frühzeitige Erkennung von Belastungssituationen, für die Beratung und für die Agrarpolitik bieten.
  • Digitale Karten für eine räumlich differenzierte Abschätzung der Graslandproduktivität

    Digitale Karten für eine räumlich differenzierte Abschätzung der Graslandproduktivität

    Auf rund 70 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz wächst Gras. Die Erträge auf diesen Grünländern variieren stark. Eine Agroscope-Studie berechnet sie erstmals räumlich differenziert und stellt digitale Karten für Planung und Beratung bereit.

    Dauerwiesen und -weiden bedecken nahezu zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz. Hinzu kommt knapp 30% der Ackerfläche, die als Kunstwiese genutzt wird. Die Produktivität dieser Grasflächen ist sehr unterschiedlich. Forschende von Agroscope zeigen nun erstmals räumlich differenziert, wie stark die Erträge je nach Standort variieren können.

    Neues Modell zur standortspezifischen Abschätzung von Graserträgen

    Ziel der Studie war es, regionale Ertragsmuster sichtbar zu machen und Regionen mit unterschiedlichem Produktionspotenzial zu identifizieren. Dafür entwickelten die Forschenden ein Modell zur räumlich differenzierten Abschätzung der Graslandproduktivität in den Tal-, Hügel- und Bergzonen. Das Sömmerungsgebiet wurde dabei nicht berücksichtigt.

    Die Berechnungen basierten auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Jahres 2023. Die Erträge wurden mithilfe von Kennzahlen aus den „Grundlagen für die Düngung landwirtschaftlicher Kulturen” (GRUD, Kapitel 9 Düngung von Grasland) ermittelt, die nach Höhenstufe und Nutzungsintensität differenzieren. Ergänzt wurden diese Daten durch Expertenwissen und Geodaten über Topografie und Klimabedingungen. In einem mehrstufigen Verfahren schätzten die Forschenden zunächst die durchschnittlichen Graserträge und passten diese anschliessend anhand der Standortfaktoren Sonneneinstrahlung und Trockenheit an.

    Bis zu 60 Millionen Dezitonnen Gras pro Jahr

    Die Studie schätzt die jährliche Grasproduktion auf einer Fläche von rund 726’000 Hektare auf bis zu 60 Mio. Dezitonnen Trockensubstanz (dt TS). Werden die regionalen Auswirkungen von Sonneneinstrahlung und Trockenheit berücksichtigt, reduziert sich dieser Wert auf etwa 57 Mio. dt TS.

    Die Unterschiede zwischen den einzelnen Flächen sind beträchtlich: Je nach Nutzungsart und -intensität liegen die modellierten mittleren Erträge zwischen 23 und 122 dt TS pro Hektare und Jahr. Nach der Korrektur durch die beiden Standortfaktoren reichen sie von 22 bis 116 dt TS pro Hektare und Jahr. Die Studie zeigt somit die Notwendigkeit, Standortbedingungen bei der Abschätzung der Grasproduktion zu berücksichtigen.

    Räumliche Verteilung der mittleren Erträge im Grasland (dt TS ha-1a-1 für 2023) gemäss GRUD, abzüglich 5 % Lagerverluste und unter Berücksichtigung der Standortfaktoren Sonneneinstrahlung und Trockenheit. Die Erträge sind in einer räumlichen Auflösung von 25×25 m dargestellt.

    Digitale Karten für Planung und Beratung

    Die entstandenen Karten liefern erstmals ein räumlich differenziertes Bild der Graslandproduktivität in der Schweiz. Die digitalen Daten können in Hofmanagement- und Informationssystemen integriert werden und Landwirtinnen und Landwirten bei der Planung ihrer Bewirtschaftung unterstützen. Gleichzeitig bieten sie Politik, Vollzug und Beratung eine fundierte Grundlage für die Entwicklung standortangepasster Bewirtschaftungsstrategien und Massnahmen.

    Fazit

    • Die Produktivität von Wiesen und Weiden hängt stark von den jeweiligen Standortbedingungen ab. Faktoren wie Höhenlage, Nutzungsintensität, Sonneneinstrahlung und Trockenheit haben grossen Einfluss auf die Graserträge.
    • Erstmals haben Forschende von Agroscope räumlich-differenzierte Karten zum Ertragspotenzial basierend auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche und den Kennzahlen der GRUD berechnet.
    • Die digitalen Daten liefern eine wertvolle Grundlage für die landwirtschaftliche Beratung, die betriebliche Planung sowie für langfristige politische Entscheidungen.
  • Blattdüngung im Weinbau: begrenzte Wirksamkeit organischer Formen auf den Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most

    Blattdüngung im Weinbau: begrenzte Wirksamkeit organischer Formen auf den Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most

    Im Weinbau lässt sich durch eine Blattdüngung mit organischen Stickstoff-Formen der Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most nur begrenzt erhöhen. Mineralischer Stickstoff ist bei der Blattdüngung weiterhin am wirkamsten.

    Eine bedarfsgerechte Mineralstoffversorgung der Rebe ist für den Ertrag und die Qualität der Trauben entscheidend. Eine ausgewogene Stickstoffversorgung ist dabei besonders wichtig, da sie nicht nur die Entwicklung der Rebe beeinflusst, sondern auch die Gärung und die Aromabildung der Weine. Die Rebe ist hauptsächlich auf den mineralischen Stickstoff des Bodens (in Form von Nitrat und Ammonium) angewiesen. Die Aufnahme wird jedoch massgeblich von den klimatischen Bedingungen und der Bodenbeschaffenheit bestimmt: Heisse und trockene Jahre sowie verdichtete tonig-kalkhaltige Böden, die eine flache Durchwurzelung begünstigen, führen häufig zu Mosten mit geringerem Stickstoffgehalt. Die Stickstoffversorgung sollte daher im Rahmen eines umfassenden Ansatzes erfolgen, bei der die Wahl des Pflanzenmaterials, das Bodenmanagement sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Blattfläche und Ertrag berücksichtigt wird. Dennoch kann eine Zusatzdüngung erforderlich sein, um die Produktivität langfristig aufrechtzuerhalten.

    Die Blattdüngung mit Harnstoff zum Reifebeginn (Véraison) als Ergänzung zu einer Stickstoffdüngung im Frühjahr über den Boden ist eine bewährte Massnahme, um den Stickstoffgehalt des Mostes zu erhöhen, ohne die Wuchskraft übermässig zu fördern. Die Blattdüngung beruht auf der passiven Aufnahme der Nährstoffe über die Kutikula und die Spaltöffnungen der Blätter und ermöglicht eine rasche Umwandlung des mineralischen Stickstoffs in Aminosäuren. Im biologischen Weinbau ist der Einsatz von Stickstoff in leicht pflanzenverfügbarer mineralischer Form untersagt. Es werden deshalb organische Blattdünger angewendet, deren Wirksamkeit hinsichtlich der Erhöhung des assimilierbaren Stickstoffs im Most bislang jedoch nicht eindeutig belegt ist.

    Organische Stickstoff-Formen weniger wirksam

    In einem von 2023 bis 2025 an Chasselas-Reben bei Agroscope in Pully (Schweiz) durchgeführten Versuch wurden fünf zum Zeitpunkt der Reifung als Blattdüngung ausgebrachte Stickstoffdünger verglichen (Vinasse, Glycinbetain, Azotobacter salinestris, pflanzliche Proteine und ein mineralischer Stickstoffdünger). Als Kontrolle dienten Reben ohne Düngung. Erfasst wurden Parameter der vegetativen Entwicklung (Schnittholzgewicht, Blattfläche und Chlorophyllindex) und des Ertrags sowie die Zusammensetzung der Moste zum Zeitpunkt der Weinlese. Die Ergebnisse zeigen einen starken Einfluss des Jahrgangs auf Wuchskraft, Ertrag und Reifung. Unabhängig vom geprüften Dünger blieb jedoch ein Mangel an assimilerbarem Stickstoff bestehen (weniger als 140 mg N/l). Die mineralische Blattdüngung (Ammonium und Harnstoff) erhöhte die Stickstoffkonzentration im Most am wirksamsten. Die organischen Formen waren deutlich weniger wirksam und einige hatten bei den untersuchten Dosen und Applikationszeitpunkten sogar phytotoxische Effekte (Abbildung 1). Diese Ergebnisse zeigen die begrenzte Wirksamkeit einer organischen Blattdüngung zum Zeitpunkt der Reifung, um einen Stickstoffmangel im Most zu beheben. Sie sprechen für Strategien mit einer Bodendüngung sowie früher im Vegetationszyklus angewendete und stärker aufgeteilte Blattapplikationen.

    Abbildung 1. Gehalt an assimilierbarem Stickstoff (AA + NH4+) im Most bei der Weinlese, in Abhängigkeit des Jahres und des angewendeten Blattdüngers. Chasselas, Pully, Suisse. Die Fehlerbalken zeigen die Standardabweichungen. Unterschiedliche Buchstaben kennzeichnen signifikante Unterschiede zwischen den Mittelwerten gemäss Tukey-Test (p < 0,05).

    Fazit

    • Eine Blattdüngung zum Zeitpunkt der Reifung reicht nicht immer aus, um den Gehalt an assimilerbarem Stickstoff im Most auf über 140 mg N/l zu erhöhen, der für einen guten Gärverlauf erforderlich ist.
    • Stickstoff in mineralischer Form erwies sich als wirksamer und kostengünstiger als die untersuchten organischen Formen, bei denen die Stickstoffassimilation eingeschränkt ist und phytotoxische Effekte und Ertragseinbussen auftreten können.
    • Deshalb ist ein ganzheitliches Management der Stickstoffversorgung Priorität. Für die organische Blattdüngung sollten aufgeteilte und zu einem früheren Zeitpunkt angewendete Dosen untersucht werden, mit einem Schwerpunkt auf der Unterstützung des vegetativen Wachstums und nicht auf einer späten Korrektur des Stickstoffgehalts im Most.
  • Können Menschen hören, wie sich ein Schwein fühlt?

    Können Menschen hören, wie sich ein Schwein fühlt?

    Menschen und künstliche Intelligenz (KI) erkennen ähnliche Muster in Schweinelauten, besonders in Belastungssituationen. Aus einem einzelnen Laut lässt sich jedoch weder die genaue Situation noch der Gefühlszustand eines Schweins zuverlässig ableiten.

    Die Tierwohlforschung versucht zunehmend, akustische Signale aus Schweineställen für die Überwachung des Tierwohls zu nutzen. Dafür werden Schweinelaute oft anhand des Kontexts, in dem sie aufgenommen wurden, als positiv oder negativ klassifiziert. So gelten Laute während einer Kastration beispielsweise als negativ, während Laute beim Säugen einer positiven Situation zugeordnet werden. Doch wie aussagekräftig sind solche Zuordnungen tatsächlich? Erkannte die KI Hinweise auf den affektiven Zustand der Tiere, allgemeine Unterschiede in den Lauten oder lediglich die Kategorien, mit denen sie trainiert worden war? Und wie sehr deckt sich das mit menschlichen Beobachtungen?

    Wir untersuchten, wie Menschen Schweinelaute wahrnehmen, wenn jegliche Kontextinformationen fehlen. Dazu nutzten wir über 2’000 Aufnahmen mit bekanntem Aufnahmekontext aus einer Online-Datenbank. Die Teilnehmenden sahen kein Video und wussten nicht, wo oder wann die Laute aufgenommen worden waren. In einem ersten Online-Experiment klassifizierten 224 Personen 40 Aufnahmen in selbst gewählte Gruppen. In einem zweiten Experiment ordneten 159 Personen 25 Aufnahmen einem von 18 Kontexten oder «keine Ahnung» zu und bewerteten sie anschliessend von “sehr negativ” bis “sehr positiv”. Wir verglichen anschliessend, ob sich diese Einteilungen mit der akustischen Struktur, die ein neuronales Netzwerk aus Spektrogrammen gelernt hatte, deckte.

    Menschen und KI erkennen ähnliche Muster

    Die Teilnehmenden gruppierten die Laute nicht zufällig. Es entstand eine breite, reproduzierbare akustische Struktur, die sich bei Personen mit und ohne Schweineexpertise nahezu deckte. Die Erfahrung beeinflusste vor allem, wie die Teilnehmenden die Gruppen beschrieben. Schweinehalter wählten häufiger schweinespezifische Beschreibungen, während gefühlsbezogene Begriffe insgesamt selten waren. Nur etwa jede fünfte selbst gewählte Gruppenbezeichnung bezog sich auf ein Gefühl.

    Die menschlichen Gruppierungen stimmten auch eng mit der Struktur überein, die das neuronale Netzwerk fand. Schweinelaute enthalten somit echte, wiederholbare akustische Informationen, die sowohl Menschen als auch Computer erkennen können. Die erkannten Muster zeigen zwar, dass Schweinelaute akustische Informationen enthalten. Welche biologische oder emotionale Bedeutung diese Informationen genau haben, bleibt jedoch unklar.

    Neugierig, wie gut Sie Schweinelaute verstehen? Machen Sie den Test unter: https://project-oink.org/

    Die genaue Bedeutung bleibt schwer erkennbar

    Bei der Auswahl aus 18 Aufnahmekontexten waren nur 8,0 % der Antworten korrekt, was nur leicht höher ist als durch Zufall (5,6 %). Die Teilnehmenden lagen bei der Einschätzung „positiv“ oder „negativ“ in 60,1 % der Fälle richtig. Dieser Wert wurde jedoch vor allem durch deutlich belastende Situationen wie Kastration, Fixierung oder Kämpfe geprägt. Wenn man diese extremen Situationen ausschloss, verschwand diese Übereinstimmung.

    Laute aus einer Bucht mit Stroh und einer kargen Bucht mit Betonboden wurden kaum unterschieden; letztere wurde im Mittel sogar etwas positiver bewertet. Die Laute verrieten in diesem Fall weder den ursprünglichen Kontext noch die vermutete Affektkategorie zuverlässig.

    Fazit und Empfehlungen

    • Akustische Überwachung ist vor allem für Notfälle vielversprechend: Alarmrufe, Aggressionen, unter der Sau eingeklemmte Ferkel oder Gesundheitsprobleme.
    • Für den praktischen Einsatz im Betrieb müssen bioakustische Muster in zuverlässige, handlungsrelevante Signale übersetzt werden, die anzeigen, wann ein Eingreifen erforderlich ist, ohne die Landwirtinnen und Landwirte bei jedem erkannten Notlaut ständig zu alarmieren.
    • Umfassendere Tierwohlbewertungen müssen Schall mit Verhalten, Gesundheit, Physiologie und Stallbedingungen verbinden.

    KI kann zu einem zusätzlichen Paar Ohren werden. Doch ein Alarmlaut zu erkennen ist nicht dasselbe wie zu messen, wie sich ein Schwein fühlt. Akustische Tierwohlindikatoren müssen mit unabhängigen Daten zum Erleben des Tieres validiert werden.

  • Bausteine für eine stabilere Schweizer Bio-Linsen-Produktion

    Bausteine für eine stabilere Schweizer Bio-Linsen-Produktion

    Obwohl das Potential für den Bio-Linsen-Anbau in der Schweiz vorhanden ist, stagniert er auf tiefem Niveau. Ergebnisse von Agroscope zeigen, wie sich die Erntemengen stabilisieren lassen und ob es sensorische Unterschiede zwischen den Sorten gibt.

    Forschende von Agroscope untersuchten, wie sich Linsen unter Schweizer Bio-Bedingungen erfolgreicher anbauen lassen als bisher. Im Zentrum standen verschiedene Linsensorten, Saattermine, Saatdichten und Anbausysteme. Zudem wurde geprüft, ob sich geschmackliche Unterschiede zwischen den Sorten zeigen. Ziel war es, Grundlagen für eine stabilere Inlandproduktion zu schaffen und mögliche Präferenzen von Konsumenten zu erfassen.

    Herbstsaat erhöht Ertragspotenzial

    In Feldversuchen wurden über fünf Jahre insgesamt zwölf Linsen-Genotypen getestet. Die Erträge unterschieden sich stark zwischen den Jahren und lagen je nach Witterung zwischen nahezu Totalausfall und 2 Tonnen pro Hektar und Jahr. Bei den meisten Sorten konnte mit der Herbstsaat der Ertrag im Vergleich zur Saat im Frühjahr erhöht werden. Da die im Herbst gesäten Linsen rund 14 Tage früher blühen als die im Frühjahr gesäten, kann dies ein wichtiger Faktor sein, die Ertragsbildung vor möglichen Hitzeperioden vorzuverlegen und die Erträge abzusichern. Insbesondere im Bio-Landbau spielt auch der Unkrautdruck auf den Parzellen eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Umsetzung.

    Mischkulturen mit Hafer stabilisieren Bestände

    Die Agroscope-Studie verglich den Linsen-Reinanbau mit Mischkulturen von Linsen mit Kurzstroh-Hafer. Trotz geringerer Linsensaatmenge sanken die Kornerträge der Linsen in den Mischkulturen nicht. Gleichzeitig reduzierten die Getreidepflanzen das Lagern (Umfallen) der Linsen und führten deshalb bei der Ernte dazu, dass mehr Hülsen mit dem Mähdrescher geerntet werden konnten und sich durch die grössere Distanz der Samen zum Boden eine bessere Samenqualität erzielen liess. Ebenso haben die Erfahrungen gezeigt, dass Begleitarten mit dem Hafer wirksam unterdrückt wurden.

    Dichte Bestände verbessern Wirtschaftlichkeit

    Aus der Untersuchung der Bestandesdichte auf den Ertrag und die Wirtschaftlichkeit in der Reinsaat liess sich ableiten, dass die optimale Bestandesdichte zwischen 180 und 240 Pflanzen pro Quadratmeter liegt. Höhere Saatmengen verursachten zwar höhere Saatgutkosten, diese wurden jedoch durch Mehrerträge ausgeglichen.

    Verarbeitete Linsen

    Geschmacklich waren die Unterschiede der zwölf untersuchten Linsensorten kleiner als erwartet. Die Sorten unterschieden sich zwar – etwa bei Mehligkeit oder Saftigkeit –, insgesamt waren die Unterschiede bezüglich ihrer agronomischen Eigenschaften – Ertrag, Korngrösse und Proteingehalt – jedoch bedeutender.

    Um Erträge im Linsenanbau abzusichern, ist eine optimale Bestandesdichte und ein an den Standort angepasster Saattermin entscheidend. Die Wahl eines geeigneten Mischungspartners hat keinen negativen Einfluss auf den Linsenertrag. Die Samenqualität sowie die Erntbarkeit können verbessert werden. Die Sortenwahl sollte deshalb neben der Standortanpassung auch auf Marktanforderungen ausgerichtet werden. Wird die Herbstsaat in Betracht gezogen, so scheinen nebst speziell für den Herbstanbau gezüchtete Winterlinsen, kleinsamige und teilweise auch Typen aus der Genbank, vielversprechend zu sein.

    Fazit

    • Mischkultur mit Kurzstroh-Hafer verringert das Lagern (Umfallen), ohne Ertragseinbussen zu verursachen.
    • Bestandesdichten von 180 bis 240 Pflanzen pro Quadratmeter erwiesen sich als wirtschaftlich sinnvoll.
    • Im Herbst gesäte Linsen zeigten unter Schweizer Bedingungen ein höheres Ertragspotenzial als im Frühjahr gesäte.
    • Um die Ertragssicherheit von herbstgesäten Linsen zu erhöhen, müsste Saatgut von Winterlinsen produziert werden.
    • Nebst kleinsamigen Sorten waren auch alte Sorten wie die Kleine Schwarze, Späth’s Kleine oder die Berglinse bezüglich Erntemenge über die Jahre ausgeglichener.
    • Aufgrund der kleinen Unterschiede im Geschmack sollten die Sorten eher aufgrund von Grösse, Farbe und der Eignung für das Anbausystem (Trennbarkeit der Samen falls Anbau in Mischkultur erfolgt) ausgewählt werden.
  • Schweizer Praxisdaten: Vergleichbare Weizenerträge mit und ohne Herbizideinsatz

    Schweizer Praxisdaten: Vergleichbare Weizenerträge mit und ohne Herbizideinsatz

    Wie lassen sich Pflanzenschutzmittel bei Winterweizen einsparen, ohne die Erträge zu gefährden? Eine Agroscope-Studie zeigt, dass eine Kombination herbizidfreier Unkrautregulierungsmassnahmen ähnliche Erträge ermöglicht wie unter Herbizid-Einsatz.

    Die Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ist ein wichtiges Ziel der Schweizer Agrarpolitik. Besonders im Ackerbau stellt sich die Frage, ob sich Unkräuter auch ohne Herbizide ausreichend eindämmen lassen. Im Projekt PestiRed untersuchten Agroscope-Fachleute zusammen mit der Beratung und den Produzierenden die Wirkung integrierter Unkrautmanagementstrategien im Winterweizen unter realen Praxisbedingungen. Im Fokus stand, ob herbizidfreie Verfahren vergleichbare Erträge ermöglichen und welche Massnahmen besonders wirksam sind.

    Eine Kombination verschiedener Massnahmen wirkt

    Von 2020 bis 2023 wurden 94 Winterweizenfelder in der Schweiz begleitet. Verglichen wurden integrierte Anbausysteme mit und ohne Herbizid-Einsatz. Die Betriebe setzten unterschiedliche Massnahmen ein, darunter angepasste Bodenbearbeitung, spätere Saattermine, falsche Saatbeete und mechanische Unkrautregulierung. Anschliessend wurden Unkrautbiomasse und Kornertrag ausgewertet und die wichtigsten Einflussfaktoren bestimmt.

    Geringer Unkrautdruck mit und ohne Herbizide

    Die zentrale Erkenntnis: Ob mit oder ohne Herbizid-Einsatz, die Weizenerträge unterschieden sich nicht. Gleichzeitig blieb der Unkrautdruck auf den meisten Feldern gering. Nur wenige Standorte erreichten Unkrautbiomassen, die mit messbaren Ertragsverlusten verbunden waren. Entscheidend war nicht eine einzelne Massnahme, sondern das Zusammenspiel verschiedener vorbeugender und direkter Verfahren. Unter den untersuchten Praxisbedingungen erzielten herbizidfreie Systeme somit vergleichbare Erträge wie Systeme mit gezieltem Herbizideinsatz.

    Wichtige Einflussfaktoren auf Unkrautbiomasse und Ertrag

    Besonders wichtig waren ein gut gewählter Saattermin, angepasste Saatdichten und die Anlage falscher Saatbeete. Auch eine intensivere Bodenbearbeitung verringerte die Unkrautbiomasse. Der Weizenertrag wurde zusätzlich durch Niederschlagsbedingungen, Bodentyp und standortspezifisches Ertragspotenzial beeinflusst. Herbizide waren in den untersuchten Feldern nur ein Bestandteil einer erfolgreichen Unkrautregulierung. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer langfristigen Anbaustrategie, bei der verschiedene Massnahmen sinnvoll kombiniert werden.

    Mechanische Regulierung mit möglichen Zielkonflikten

    Die Studie zeigt jedoch auch Grenzen herbizidfreier Systeme. Während eine intensivere Bodenbearbeitung die Unkrautbiomasse reduzierte, war eine stärkere mechanische Unkrautregulierung mit Ertragseinbussen verbunden. Herbizidfreie Verfahren konnten das Ertragsniveau nur bei wirksamer Unkrautkontrolle halten. Höhere Arbeits- und Verfahrenskosten können unter bestimmten Bedingungen durch Preiszuschläge und Direktzahlungen ausgeglichen werden. Da die Ergebnisse überwiegend auf Standorten mit moderatem Unkrautdruck beruhen, ist eine Übertragung auf schwierigere Bedingungen nur eingeschränkt möglich.

    Fazit

    • Winterweizen erzielte unter den untersuchten Praxisbedingungen vergleichbare Erträge mit und ohne Herbizid-Einsatz.
    • Der Erfolg beruhte auf der Kombination verschiedener vorbeugender und direkter Massnahmen.
    • Saattermin, Saatdichte, falsche Saatbeete und Bodenbearbeitung beeinflussten die Unkrautentwicklung wesentlich.
    • Eine intensive mechanische Unkrautregulierung kann Ertragseinbussen verursachen.
    • Integrierte, herbizidfreie Systeme bieten Potenzial für den Schweizer Ackerbau, erfordern jedoch eine sorgfältige Anpassung an Standort und Unkrautsituation.
  • Rinder zuhause vorbereiten: weniger Stress bei der Schlachtung

    Rinder zuhause vorbereiten: weniger Stress bei der Schlachtung

    Kann man Rinder zuhause so vorbereiten, dass sie im Schlachthof weniger Stress haben? In einem Vergleich zeigten vorbereitete Tiere bei der Schlachtung im Schlachthof niedrigere Cortisolwerte als Kontrolltiere.

    Jungtiere aus der Mutterkuhhaltung wachsen meist naturnah in stabilen Herdenverbänden auf und haben wenig engen Kontakt zu Menschen. Bei der Schlachtung werden sie dann gleichzeitig mit Trennung, Verladen, Transport und einer ungewohnten Umgebung (Geräusche, Gerüche, fremde Menschen und Tiere) sowie engen Treibgängen konfrontiert. Gerade der Treibgang gilt aus Tierwohlsicht als besonders sensibler Bereich: Hier treten häufig stockendes Vorwärtsgehen oder Rückwärtsbewegungen auf, was den Einsatz von Elektrotreibern begünstigen kann – mit negativen Folgen für das Tierwohl und einer erhöhten Belastung für die Mitarbeitenden.

    Mehr Tierwohl durch Training: Jungrinder besser auf Schlachthofsituation vorbereiten

    Vor diesem Hintergrund untersuchte das Projekt, ob sich Stressreaktionen am Schlachthof durch eine Vorbereitung auf dem Herkunftsbetrieb reduzieren lassen. Auf fünf Mutterkuhbetrieben wurden insgesamt 38 Jungrinder mindestens dreimal trainiert: Die Tiere wurden mittels Low Stress Stockmanship (ruhiges Treiben mit Druck/Entlastung) durch einen schmalen Panelgang (mind. 6 m lang, ca. 1 m breit) auf eine Waage oder in einen Behandlungsstand getrieben und kurz fixiert; das Öffnen/Entlassen erfolgte erst, wenn das Tier ruhig stand („Belohnung“). Als Kontrolle dienten 37 Tiere aus 19 weiteren Betrieben ohne vergleichbare Vorerfahrung, die jeweils im gleichen Transport unter denselben Transportbedingungen mitgeführt wurden.

    Die Schlachtungen fanden in einem grossen Schweizer Rinderschlachthof zwischen Oktober 2023 und Dezember 2024 statt. Nach einer Wartezeit von 30–60 Minuten in den Wartebuchten wurden im Treibgang Vokalisationen, Rückwärtsbewegungen und der Einsatz des Elektrotreibers erhoben. In der Betäubungsbox wurde das Verhalten der Tiere erfasst, und im Stichblut wurden physiologische Parameter bestimmt. Laktat wurde vor Ort per Schnelltest bestimmt, Cortisol wurde aus dem Blutserum im Labor analysiert.

    Weniger akute Stressbelastung: Trainierte Tiere mit tieferen Cortisolwerten

    Das Training beeinflusste die im Schlachthof erfassten Verhaltensparameter nicht signifikant, führte jedoch zu einem signifikanten Unterschied bei der Cortisolkonzentration im Stichblut. Insbesondere bei männlichen Tieren lagen die Cortisolwerte der trainierten Gruppe unter jenen der Kontrolltiere, was auf eine geringere Stressbelastung unmittelbar vor der Schlachtung hinweist.

    Cortisolgehalte im Serum des Stichblutes der Kontrolltiere (K) und der Projekttiere (P), aufgeteilt in männliche (M) und weibliche (W) Tiere.

    Fazit

    • Eine einfache Vorbereitung auf dem Betrieb (Low Stress Stockmanship und Panelgang-Übungen) kann die Stressbelastung von Jungtieren messbar senken – erkennbar an tieferen Cortisolwerten.
    • Die beteiligten Landwirtinnen und Landwirte bewerteten Training und Installationen durchweg positiv und empfehlen sie klar, da sie auch für Arbeiten wie Wiegen, Behandlungen und Separieren nützlich sind.
    • Die Methode sollte daher breit empfohlen und gezielt gefördert werden, insbesondere über Schulungen und praxistaugliche Infrastruktur auf dem Betrieb.
  • Wie sich die Saatgutbeizung beim Mais auf Mykorrhizapilze und Erträge auswirkt

    Wie sich die Saatgutbeizung beim Mais auf Mykorrhizapilze und Erträge auswirkt

    Fungizid-Beizen schützen Saatgut und sichern Erträge, können aber nützliche Bodenpilze beeinträchtigen. Neue Erkenntnisse aus verschiedenen Versuchssystemen – von kontrollierten Laborversuchen bis hin zu realen Bedingungen im Feld  – zeigen, wie stark diese Effekte variieren können.

    Fungizide zum Saatgutbeizen sind in der Landwirtschaft weit verbreitet, um junge Pflanzen vor Krankheiten zu schützen und stabile Erträge zu sichern. Fungizide können jedoch nicht nur schädliche Pilze, sondern auch Nichtzielorganismen, wie beispielsweise nützliche Bodenorganismen, beeinträchtigen. Dazu zählen arbuskuläre Mykorrhizapilze: Diese können die Nährstoffaufnahme und die Bodenstruktur verbessern. Politisch und administrativ ist die Balance zwischen Sicherung stabiler Erträge und Förderung ökologischer Funktionen ein zentrales Thema, etwa im Kontext nachhaltiger Landwirtschaft und Bodengesundheit. Bisherige Bewertungen von Beizmitteln konzentrieren sich oft auf kurzfristige Effekte oder Einzelaspekte. Weniger berücksichtigt wird, wie sich Wirkungen entlang verschiedener Ebenen – von der Spore bis zur Feldleistung der Mykorrhizapilze – unterscheiden können. Neue Forschung liefert hierzu differenzierte Einblicke und zeigt, dass die Einflüsse nicht einheitlich sind.

    Unterschiedliche Auswirkungen je nach Versuchssystem

    Die Studie zeigt, dass Fungizid-Beizen im Maisanbau je nach Massstab unterschiedlich auf Mykorrhizapilze wirken. Auf der Ebene einzelner Pilzsporen kann die Keimung deutlich gehemmt sein. Diese Effekte lassen sich jedoch nicht direkt auf das Pflanzenwachstum oder die Maiserträge im Feld übertragen. Damit relativiert sich die Aussagekraft isolierter Labortests für die Praxis.

    Abschwächung der Auswirkungen im Feld

    Im Feldversuch fallen die negativen Einflüsse von Beizmittel auf Mykorrhizapilze weniger stark aus als unter kontrollierten Laborbedingungen. Umweltfaktoren wie Bodenbeschaffenheit, Mikroorganismen und Wetterbedingungen beeinflussen die tatsächliche Wirkung. In vielen Fällen bleibt die Mykorrhiza-Besiedlung der Pflanzen trotz Beizung erhalten, wenn auch teilweise reduziert.

    Begrenzter Einfluss auf die Pflanzenleistung

    Die Anwendung von Beizmitteln beeinflusst die Mykorrhiza-Besiedlung der Maiswurzeln und die daraus resultierende Pflanzenleistung in der Regel nur geringfügig. Während einzelne Effekte auf die Symbiose zwischen Pflanze und Pilz sichtbar sind, führen diese nicht zwingend zu messbaren Einbussen in der landwirtschaftlichen Produktion. Dies deutet darauf hin, dass Pflanzen und Bodenorganismen eine gewisse Anpassungsfähigkeit gegenüber Beizmitteln besitzen.

    Fazit

    • Ergebnisse aus Laborstudien mit fungiziden Saatgutbeizen sollten nicht direkt auf Feldbedingungen übertragen werden. Je nach Versuchssystem, von kontrollierten Laborversuchen bis hin zu realen Bedingungen im Feld, variieren die Effekte dieser Applikation auf Mykorrhizapilze stark.
    • Weiter beeinflussen Praxisbedingungen wie Standortfaktoren und Bewirtschaftung die tatsächlichen Auswirkungen auf die arbuskulären Mykorrhizapilze wesentlich.
    • Gezielte Fungizidanwendungen mit geringen Mengen, wie die Saatgutbeizung, belasten das Bodenmikrobiom bei den hier getesteten Fungiziden kaum.
  • Klimawandel verändert den europäischen Weinbau

    Klimawandel verändert den europäischen Weinbau

    Wo wird in Europa zukünftig Wein angebaut? Eine Studie basierend auf sogenannten Klimaanalogen zeigt, dass die Klimaerwärmung die Weinbaugebiete grundlegend verändern wird, wobei Krankheiten eine entscheidende Rolle spielen.

    Der Klimawandel verändert bereits heute die Anbaubedingungen für den Weinbau in Europa. Künftig könnten einige traditionelle Anbaugebiete an Bedeutung verlieren, während andere an Potenzial gewinnen. Die Studie untersucht diese Entwicklungen, indem sie das zukünftige Klima europäischer Weinbaugebiete mit bereits existierenden ähnlichen Klimazonen – sogenannten Klimaanalogen – vergleicht.

    Der Ansatz basiert auf bioklimatischen Indizes, die in direktem Zusammenhang mit der Rebe und ihren Krankheiten stehen. Drei Indizes beschreiben die Wachstumsbedingungen und drei weitere die Pflanzengesundheitsrisiken: Falschen Mehltau, Echten Mehltau und die goldene Vergilbung. Darüber hinaus berücksichtigt die Studie die lokale Topografie, die für das Verständnis der Mikroklimata in den Rebbergen von entscheidender Bedeutung ist.

    Klimabedingte Verschiebungen und neue Krankheitsrisiken

    Die Ergebnisse zeigen gegensätzliche Entwicklungen. Der Temperaturanstieg verlagert die für den Weinbau geeigneten Gebiete insgesamt nach Norden und in höhere Lagen. Mehrere Regionen in Südeuropa könnten zukünftig für den Weinbau zu heiss werden. Gleichzeitig führen feuchtigkeitsbedingte Krankheiten je nach lokalen Bedingungen zu Verschiebungen nach Osten oder Westen. Insgesamt liegen die Klimaanaloge der europäischen Weinbaugebiete bis zum Jahr 2080 mehrheitlich weiter südlich. 

    Grenzen des Ausbaus und Herausforderungen der Anpassung

    Der Studie zufolge dürften die phytosanitären Risiken in vielen Regionen zunehmen. Falscher und Echter Mehltau werden voraussichtlich in Mittel- und Nordeuropa häufiger auftreten, während sich die Goldgelbe Vergilbung auf neue Gebiete ausbreiten könnte. Selbst wenn kühlere nördliche Regionen klimatisch geeigneter werden, könnte ein steigender Krankheitsdruck ihr Potenzial erheblich einschränken.

    Berggebiete bieten zwar ausgewogenere Bedingungen, ihre Bewirtschaftung bleibt jedoch anspruchsvoll und kostspielig. Vor diesem Hintergrund wird die Anpassung vor allem über die Wahl geeigneter Rebsorten, angepasste Anbaumethoden und in einigen Fällen über eine Verlagerung der Anbaugebiete erfolgen.

    Die Ergebnisse der Studie wurden in die App «Klimaanaloge – Weinberge» integriert, mit der sich die künftigen klimatischen Bedingungen der Rebparzellen in Europa bis zum Jahr 2090 visualisieren lassen (siehe «Weitere Informationen»).

    Fazit

    • Der Klimawandel wird die Verteilung der Weinbaugebiete in Europa tiefgreifend verändern.
    • Steigende Temperaturen verlagern die Weinbaugebiete nach Norden und in höhere Lagen. Gleichzeitig wird deren Ausdehnung durch feuchtigkeitsbedingte Krankheiten – insbesondere in Nordeuropa – deutlich eingeschränkt.
    • Mehrere Regionen im Süden könnten langfristig für den Weinbau ungeeignet werden. Berggebiete bieten Alternativen, sind jedoch mit wirtschaftlichen und technischen Einschränkungen verbunden.
    • Die Anpassung erfordert Änderungen bei den Rebsorten, den Anbaumethoden und teils auch bei den Standorten.

  • Diversifizierung der Bioschweinefütterung mittels Gemüse- und Obstrüstabfällen

    Diversifizierung der Bioschweinefütterung mittels Gemüse- und Obstrüstabfällen

    Lebensmittelabfälle sind weltweit ein Problem – zugleich muss Tierfutter nachhaltiger werden. Das FiBL untersuchte, wie Gemüse- und Obstrüstabfälle in der Mastschweinefütterung Leistung, Gesundheit und Verhalten beeinflussen und zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen beitragen können.

    Die Entwicklung von nachhaltigen Ernährungssystemen steht vor einer wichtigen Herausforderung: der Flächenkonkurrenz zwischen der Produktion von Tierfutter und Lebensmitteln. Darüber hinaus landet schätzungsweise ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel im Abfall oder wird anderweitig verwertet. Angesichts dieser Herausforderungen ist der landwirtschaftliche Sektor bestrebt, innovative Lösungen zu entwickeln, die Lebensmittelverschwendung verringern, die Landnutzung und die Tierproduktion optimieren und gleichzeitig artgerechtes Futter bereitstellen.

    Fütterungsversuch mit Gemüse- und Obstabfällen für Schweine

    Die Schweineernährung stützt sich stark auf Konzentratfutter, das zu einem wesentlichen Teil auf Ackerflächen produziert wird. Dieses Futter erfüllt jedoch die gesundheitlichen und verhaltensbezogenen Bedürfnisse der Schweine nicht optimal. Daher startete das FiBL 2023 gemeinsam mit TerraViva und Bio Suisse das Projekt «Gemüseschwein». Die Studie wurde auf dem Biobetrieb Schwand durchgeführt und bestand darin, Gemüse- und Obstrüstabfälle in die Fütterung von Mastschweinen zu integrieren, um alternative Fütterungsstrategien für Schweine zu erforschen.

    Praktisch umfasste der Versuch 48 Schweine über zwei Mastumtriebe hinweg, wobei Unterschiede in Leistung, Gesundheit und Verhalten zwischen den Tieren, die nur mit Konzentratfutter gefüttert wurden, und denen, die eine Mischung aus Konzentratfutter und Rüstabfällen erhielten, bewertet wurden.

    Auswirkung einer mit Rüstabfällen angereicherten Ration auf Leistung und Wohlergehen

    Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gemüse- und Obstabfälle nur in geringem Masse zur Energie- und Nährstoffversorgung der Schweine beitrugen. Die Schweine in diesen Gruppen wiesen aufgrund der eingeschränkten Kraftfuttergabe geringere durchschnittliche tägliche Gewichtszunahmen und ein geringeres Schlachtgewicht auf. Die Untersuchung des Schulterfetts ergab einen höheren Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFAs) in den mit Gemüse gefütterten Gruppen, was wahrscheinlich auf einen geringeren absoluten Fettgehalt in diesen Schlachtkörpern zurückzuführen ist.

    Umgekehrt zeigten die während des Versuchs durchgeführten Bewertungen des Gesundheitszustands und die Verhaltensbeobachtungen einen positiven Effekt der Fütterung von Gemüse- und Obstabfällen. Tiere, die mit solchen Futterrationen gefüttert wurden, zeigten tatsächlich mehr Spielverhalten und hatten weniger häufig Durchfall. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die in dieser Studie getestete Fütterungsalternative mit gesundheitlichen Vorteilen und einem verbesserten Tierwohl für Mastschweine verbunden ist.

    Fazit

    • Gemüse- und Obstrüstabfälle sind ein vielversprechender Ansatz, um mehr Nachhaltigkeit und ein erhöhtes Tierwohl in der Schweinefütterung zu verbinden.
    • Positive Effekte auf Gesundheit und Verhalten zeigen Potenzial für ein erhöhtes Tierwohl bei leicht reduzierter Leistung.
    • Trotz des ethischen Mehrwerts einer Diversifizierung der Schweinefütterung ist eine angemessene Bewertung der wirtschaftlichen Rentabilität im Zusammenhang mit der Verwendung von Gemüse- und Obstabfällen erforderlich.
    • Zukünftige Forschungsarbeiten können zudem dazu beitragen, Nebenprodukte aus der Lebensmittelproduktion mit hohem Nährwert und guter Schmackhaftigkeit für Schweine zu identifizieren.
  • Goldgelbe Vergilbung: Einschleppung und Ausbreitung in der Westschweiz

    Goldgelbe Vergilbung: Einschleppung und Ausbreitung in der Westschweiz

    Eine Genanalyse liefert erstmals ein detailliertes Bild dazu, wie sich die goldgelbe Vergilbung in den Schweizer Rebbergen nördlich der Alpen ausbreitet: Infiziertes Pflanzgut und die lokale Ausbreitung tragen gemeinsam zur Entwicklung der Epidemie bei.

    Bei der goldgelben Vergilbung (GGV) handelt es sich um eine gefährliche Rebkrankheit. Das mit GGV assoziierte Phytoplasma (zellwandfreies Bakterium) ist als Quarantäneorganismus eingestuft. Phytoplasmen werden durch die Zikade Scaphoideus titanus von Stock zu Stock übertragen. Bislang existiert keine Behandlungsmöglichkeit. Die heutigen Bekämpfungsmassnahmen beruhen auf der obligatorischen und systematischen Entfernung aller infizierten Rebstöcke, der Bekämpfung des Vektors mit Insektiziden in den befallenen Gegenden und auf der Gebietsüberwachung. Die Krankheit breitet sich seit 2015 nördlich der Schweizer Alpen aus, doch wie sie in die Westschweiz gelangte, war bislang unbekannt.

    Zwei Krankheiten mit identischen Symptomen

    Zwischen 2015 und 2022 untersuchte Agroscope 4212 von den Pflanzenschutzdiensten der Kantone Waadt, Wallis und Genf entnommene Proben von Rebstöcken mit Vergilbungssymptomen. Die Analysen zeigten, dass 26,3 % der Proben tatsächlich mit GGV infiziert waren. Etwa die Hälfte der Proben mit den gleichen Symptomen war von der durch ein anderes Phytoplasma verursachten Schwarzholzkrankheit befallen. Mischinfektionen waren mit 0,17 % selten.

    Genetische Hinweise zum Ursprung der Krankheit

    Die Genanalyse der Phytoplasma-Stämme anhand mehrerer Referenzmarker ergab nördlich der Alpen eine sehr geringe Vielfalt. Alle Proben wiesen das charakteristische Profil des epidemiologischen «Rebstock–Zikade»-Kreislaufs auf, der in zahlreichen europäischen Weinbauregionen beobachtet wird. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Krankheit wahrscheinlich durch das Anpflanzen von bereits kontaminiertem Pflanzgut eingeschleppt wurde. Eine Einschleppung durch eine Übertragung aus einem Reservoir in der Umgebung scheint weit weniger wahrscheinlich. Allerdings wird die potenzielle Rolle solcher Reservoirs in der Schweiz noch erforscht.

    Regional unterschiedliche Ausbreitungsdynamik

    Eine vertiefte Genanalyse ergab, dass drei unterschiedliche genetische Gruppen mit einer klar definierten geografischen Verteilung existieren. Um die lokale Verbreitung des Phytoplasmas genauer zu verstehen, entwickelte Agroscope genetische Marker, mit denen sich sehr ähnliche Stämme unterscheiden lassen. Diese Marker zeigten, dass die Ausbreitung der goldgelben Vergilbung räumlich unterschiedliche Muster aufweist und durch Landschaftsmerkmale sowie menschliche Aktivitäten beeinflusst wird:

    • Im Lavaux lassen sich zwei homogene, aber geografisch eindeutig getrennte Populationen identifizieren. Womöglich wirkt dort die Autobahn als Barriere und begrenzt die Wanderung der als Vektoren fungierenden Zikaden.
    • Im Mittelwallis dagegen deutet ein einheitlicher Genotyp auf eine einzige Einschleppung, gefolgt von einer lokalen Ausbreitung, hin.
    • Das Chablais weist die grösste genetische Vielfalt auf. Da einzelne befallene Parzellen über drei Kilometer voneinander entfernt sind, ist die Ausbreitung wahrscheinlich nicht nur durch die natürlichen Flüge der Zikaden zu erklären. Weitere Mechanismen – etwa der Austausch von Pflanzgut sowie der passive Transport der Zikaden durch menschliche Aktivitäten oder durch Winde – tragen eventuell auch zur Verbreitung der Krankheit bei.

    Diese Studie liefert erstmals ein «hochauflösendes» genetisches Bild zur Situation der goldgelben Vergilbung nördlich der Schweizer Alpen. Sie zeigt, dass die Epidemie höchstwahrscheinlich durch die Einschleppung von infiziertem Pflanzgut verursacht wurde und dass neben der natürlichen Ausbreitung durch die Zikaden auch menschliche Tätigkeiten bei der Dissemination eine Rolle spielten.

    Gesunde Rebpflanzen und neue genetische Marker verbessern die Überwachung

    Die Prävention neuer Einschleppungen beruht vor allem auf der Verwendung von zertifiziertem und mit Heisswasser behandeltem Pflanzgut. Das Krankheitsmanagement erfordert auch eine rasche Entfernung der infizierten Rebstöcke sowie eine gezielte Bekämpfung der Zikaden mit Insektiziden. Schliesslich tragen prophylaktische Massnahmen wie die Reinigung der landwirtschaftlichen Geräte beim Wechsel zwischen den Parzellen sowie die Priorisierung der Weinbauarbeiten – d. h. die gesunden werden vor den infizierten Parzellen bearbeitet – dazu bei, das Risiko der Dissemination des Phytoplasmas zu verringern.

    Die neu entwickelten genetischen Marker ermöglichen eine präzisere Überwachung der lokalen Befallsherde und könnten künftig in anderen Weinbauregionen der Schweiz und Europas getestet werden.

    Fazit

    • Die Studie liefert die erste hochpräzise genetische Charakterisierung der Herde der goldgelben Vergilbung nördlich der Schweizer Alpen.
    • Die goldgelbe Vergilbung und die Schwarzholzkrankheit verursachen visuell identische Symptome; die zugrunde liegende Krankheit lässt sich nur mit einer genetischen Analyse zweifelsfrei identifizieren.
    • Höchstwahrscheinlich wurde die goldgelbe Vergilbung durch kontaminiertes Pflanzgut in die Westschweiz eingeschleppt.
    • Die regional unterschiedlichen Ausbreitungsmuster zeigen, dass die Dissemination der Krankheit sowohl auf den Flug der Zikade als auch auf menschliche Tätigkeiten zurückgeht.
    • In der Praxis ist es entscheidend, mit Heisswasser behandeltes Pflanzgut zu verwenden: Nur diese Methode kann heute gewährleisten, dass die Rebpflanzen frei von Phytoplasma sind.
    • Die vor Kurzem entwickelten genetischen Marker ermöglichen eine präzisere Nachverfolgung der Infektionsketten und eine gezielte Verbesserung der Überwachung und der Krankheitsbekämpfung.
  • Burnout auf dem Hof: Früh erkennen, richtig helfen

    Burnout auf dem Hof: Früh erkennen, richtig helfen

    Zwei Drittel der Schweizer Landwirtinnen und Landwirte haben bereits persönliche Grenzen erreicht – doch spezialisierte Hilfe wird kaum genutzt. Ein Schweizweites Netzwerk zeigt, warum und wie das geändert werden kann.

    Lange Arbeitszeiten und körperliche Erschöpfung sind Teil des Arbeitsalltages; Burnout-Signale werden nicht als Warnsignal, sondern als Normalzustand von Bäuerinnen und Bauern eingestuft. Eine Onlinebefragung mit 367 Landwirtinnen und Landwirten in der Ostschweiz sowie 20 qualitative Interviews zeigen: Die stärksten Belastungen liegen in Arbeitsüberlastung, Bürokratisierung und gesellschaftlichem Anerkennungsverlust. Über die Hälfte der Befragten führen einen Nebenerwerb, was Erholungszeiten systematisch minimiert und die Gesamtbelastung weiter erhöht. Oftmals verläuft ein Burnout wie folgt: Investitionen führen zu Verschuldung, die Verschuldung erzwingt Nebenerwerb, der Nebenerwerb reduziert Regenerationsphasen und erzeugt eine Dauerbeanspruchung, die sich über Monate und Jahre anhäuft, bis Körper und Psyche ausgebrannt sind.

    Hürden in der Nutzung psychosozialer Angebote

    Psychosoziale Hilfsangebote wie das Bäuerliche Sorgentelefon, Coaches oder medizinsiche Fachpersonen sind bekannt und wichtig. Sie bilden eine unverzichtbare Anlaufstelle für Menschen in akuter Not. Dennoch zeigt sich eine strukturelle Nutzungslücke: Diese Hilfsstellen werden nicht in Anspruch genommen. Der Grund liegt nicht in mangelnder Qualität, sondern in einer Geh-hin-Logik: Betroffene müssen selbst aktiv werden, anrufen oder hingehen. Das setzt eine Handlungsfähigkeit voraus, die im Burnout-Verlauf schrittweise wegfällt. Hinzu kommt eine kulturelle Barriere: Kategorien wie Burnout oder Therapie sind in der bäuerlichen Lebenswelt fremd. Was diese Angebote ergänzen kann, folgt einer Kommt-auf-den-Hof-Logik und genau hier liegt eine grosse Chance:

    Früherkennung durch vertraute Bezugspersonen

    Wenn Hofbesuchende – Tierärztinnen und Tierärzte, Besamungstechniker, Betriebsberatende, Treuhänderinnen und Treuhänder – sensibilisiert und im Erkennen von Belastungssignalen geschult sind und gezielt an Beratungsangebote weiterverweisen, entsteht eine Hilfskette, die funktioniert: weil sie dort beginnt, wo Vertrauen bereits vorhanden ist. 83,7 % der Befragten nennen Vertrauen als wichtigste Eigenschaft eines Hilfsangebots, landwirtschaftlichen Bezug und Lebenserfahrung als entscheidender als klinische Fachkompetenz. Ergänzt durch Genesungsbeleiter sogenannte Peers, also Personen aus der Landwirtschaft, welche eine Burnout Erfahrung haben und die auf Augenhöhe begleiten, kann die oft wochenlange Lücke zwischen Erstkontakt und professioneller Versorgung überbrückt werden.

    Das Projekt «Burnout-Prävention in der Landwirtschaft 2.0» (2025–2028), durchgeführt vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband und der OST – Ostschweizer Fachhochschule, unterstützt vom Schweizer Bauernverband, kantonalen Bauernverbänden, Maschinenring, AGRIDEA, Bäuerlichen Sorgentelefon, Hofkonflikt uvm. setzt genau hier an. Getragen von einer überkantonalen Charta, entsteht ein Netzwerk aus Brückenpersonen, Peers und Beratungsorganisationen. Das schweizweite Netzwerk ist offen für neue Partner.

    Fazit und Empfehlungen

    Wer Landwirtinnen und Landwirte im Burnout erreichen will, sollte nicht auf sie warten. Bestehende Vertrauensbeziehungen sind der Schlüssel.

    • Tierärztinnen und Tierärzte, Besamungstechniker, Betriebsberatende, Treuhänderinnen und Treuhänder besuchen Höfe ohnehin – ihr Erscheinen ist Betriebsalltag, keine psychosoziale Intervention. Wenn sie sensibilisiert und in kultursensiblen Gesprächsstrategien geschult sind, können sie Belastungssignale früh erkennen, behutsam ansprechen und weiterverweisen: «Ich habe einen Coach an der Hand – soll er mal kommen?»
    • Peers – Bäuerinnen und Bauern mit eigener Krisenerfahrung – sprechen dieselbe Sprache, kennen denselben Druck und dieselbe Scham. Sie normalisieren, was Betroffene für eine persönliche Schwäche halten, begleiten durch die Wartezeit bis zur professionellen Versorgung und bleiben auch nach einer Krise präsent.
    • Sorgentelefon, Coaches, Betriebsberatung, medizinische und psychiatrische Fachpersonen bilden das unverzichtbare fachliche Auffangnetz. Ihr volles Potenzial entfalten sie, wenn Brückenpersonen und Peers den Weg dorthin bereits geebnet haben.
  • Langzeitstudie zum Agrarumweltmonitoring zeigt ökologische Fortschritte

    Langzeitstudie zum Agrarumweltmonitoring zeigt ökologische Fortschritte

    Indikatoren eines 14-jährigen Monitoringprogramms zeigen Verbesserungen in den Bereichen Klima, Wasser, Boden und in der Nahrungsmittelversorgung.

    Die Landwirtschaft wirkt in vielfältiger Weise auf Umwelt und natürliche Ressourcen – von Nährstoffeinträgen und Pflanzenschutzmitteln bis zu Bodenbearbeitung und Biodiversitätsförderung. Gleichzeitig ist sie selbst auf intakte Ökosysteme angewiesen, um nachhaltig produzieren zu können. Ein kontinuierliches Monitoring dieser Umweltwirkungen ist daher zentral, um Entwicklungen zu beobachten und die Zielerreichung der Agrarpolitik gemäss der Verordnung über die Nachhaltigkeitsbeurteilung zu überprüfen.

    Umweltwirkungen der Landwirtschaft: Langzeitdaten aus dem Betriebsnetz

    Die Schweiz nutzt verschiedene Monitoringprogramme, die Umweltzustände direkt messen oder Umweltwirkungen mittels Agrarumweltindikatoren indirekt erfassen. Über 14 Jahre wurden auf rund 300 Landwirtschaftsbetrieben umfangreiche Bewirtschaftungsdaten erhoben und daraus Agrarumweltindikatoren berechnet, die regionale Aussagen ermöglichten.. Eine innovative statistische Methode erlaubte verlässliche Zeitreihen, obwohl nicht jedes Jahr dieselben Betriebe am Programm teilnahmen.

    Mehrheitlich positive Entwicklungen der Umweltindikatoren

    Die meisten der 13 Indikatoren zeigen eine Verbesserung im Zeitverlauf. Besonders deutliche Fortschritte gab es beim Pflanzenschutzmitteleinsatz (-31 %), der Humusbilanz (+25 %) und der Stickstoffbilanz (-11 %). Diese Trends deuten auf eine zunehmend umweltschonendere Bewirtschaftung hin. Auch die produzierte Energie für die menschliche Ernährung nahm über die Zeit zu. Damit wird deutlich, dass die verbesserten Umweltwirkungen nicht zulasten der Lebensmittelversorgung gingen.

    Vergleich mit nationalen Trends zeigt Übereinstimmungen und Divergenzen

    Für vier der untersuchten Indikatoren existieren nationale Pendants. Diese nationalen Indikatoren basieren auf anderen Daten und erlauben eine unabhängige Validierung der Indikatoren des Betriebsnetzes. Während Ammoniak- und Treibhausgasemissionen ähnliche Trends wie das Betriebsnetz aufweisen, unterscheiden sich die Phosphorbilanz-Zeitreihen deutlich. Diese Abweichungen sind auf die Zusammensetzung des Betriebsnetzes (Fokus auf dominante Betriebstypen) und auf Unsicherheiten einzelner Datengrundlagen (z. B. Graslanderträge) zurückzuführen. Mit dem neuen Monitoring des Agrarumweltsystems Schweiz (MAUS), das bestehende Daten und eigene Erhebungen kombiniert, ist zukünftig eine teilweise verbesserte Übereinstimmung zwischen dem regionalen und nationalen Monitoring zu erwarten.

    Fazit

    • Auf der Basis von Bewirtschaftungsdaten aus durchschnittlich 300 Höfen während 14 Jahren konnten mithilfe einer innovativen statistischen Methode verlässliche Agrarumwelt-Zeitreihen berechnet und evaluiert werden – trotz wechselnder Betriebsteilnahme.
    • Die Auswertungen zeigen klare Verbesserungen bei den meisten Agrarumweltindikatoren. Besonders deutliche Fortschritte gab es beim Pflanzenschutzmitteleinsatz (-31 %), der Humusbilanz (+25 %) und der Stickstoffbilanz (-11 %).
    • Für einige Indikatoren existieren nationale Vergleichswerte, die auf anderen Daten beruhen. Während Ammoniak- und Treibhausgasemissionen ähnliche Entwicklungen zeigen, weichen die Phosphorbilanztrends deutlich ab.
    • Die Ergebnisse zeigen, dass landwirtschaftliche Betriebe gleichzeitig in mehreren Umweltdimensionen und in der Nahrungsmittelversorgung Fortschritte erzielen können.
  • Mehr Licht, mehr Ertrag: Erdbeeren reagieren empfindlicher auf Beschattung als Himbeeren

    Mehr Licht, mehr Ertrag: Erdbeeren reagieren empfindlicher auf Beschattung als Himbeeren

    In der Schweiz wird ein grosser Teil der Erd- und Himbeeren unter Schutzkonstruktionen angebaut, die mit Agri-PV-Systemen kombiniert werden könnten. Eine Studie von Agroscope und Insolight untersuchte, wie sich Beschattung auf Ertrag und Fruchtqualität auswirkt und berechnete Grenzwerte.

    In der Schweiz werden etwa ein Drittel der Erdbeeren und drei Viertel der Himbeeren unter Schutzkonstruktionen wie Tunneln oder Gewächshäusern angebaut, um sie vor schlechtem Wetter zu schützen und die Vegetationsperiode zu verlängern. Steigende Sommertemperaturen gefährden jedoch Ertrag und Qualität, was das Interesse an agri-photovoltaischen (Agri-PV-)Systemen weckt. Diese kombinieren Energieerzeugung und Landwirtschaft, jedoch kann zu viel Beschattung die Pflanzenleistung beeinträchtigen.

    Agroscope und die Firma Insolight führten über vier Jahre (2021−2024) hinweg 21 Fallstudien in der Schweiz durch, um den Einfluss verschiedener Beschattungsstrukturen, einschliesslich 13 Agri-PV-Konfigurationen, auf den Ernteertrag von Erd- und Himbeeren zu untersuchen. Dabei wurden die Auswirkungen der täglichen Lichtmenge pro Quadratmeter auf den Fruchtertrag, das durchschnittliche Fruchtgewicht, die Festigkeit sowie den Zucker- und Säuregehalt analysiert.

    Erdbeeren reagieren stärker auf Beschattung

    Die Ergebnisse zeigen, dass Ertrag und Zuckergehalt bei beiden Beerenarten mit sinkender Lichtmenge abnahmen, wobei der Effekt bei Erdbeeren stärker war. Erdbeeren benötigen mehr Licht und leiden stärker unter Beschattung als Himbeeren. Für Erdbeeren empfehlen die Autoren eine minimale tägliche Lichtmenge von 25 Mol Photonen pro Quadratmeter. Dies entsprach in den Versuchen einer geschätzten Gesamtbeschattung von 10–30%, je nach Art der Abdeckung. Auch die Festigkeit der Erdbeeren nahm mit sinkender Lichtmenge ab.

    Himbeeren sind schattenverträglicher

    Auch bei Himbeeren führte zunehmende Beschattung zu einem Ertragsrückgang, der jedoch weniger stark ausfiel als bei Erdbeeren. Dies bestätigt frühere Beobachtungen, dass Himbeeren aufgrund ihrer evolutionären Herkunft aus Waldgebieten schattentoleranter sind. Die Autoren empfehlen für Himbeeren mindestens 15 Mol Photonen pro Quadratmeter, um übermässige Ertragsverluste zu vermeiden. Zudem hatte die Beschattung – im Gegensatz zu Erdbeeren – keinen negativen Einfluss auf die Fruchtsüsse.

    Das Fruchtgewicht und der Säuregehalt wurden hingegen bei beiden Arten durch die Beschattung nicht beeinflusst.

    Artspezifische Lichtbedürfnisse wichtig bei Konzeption von Agri-PV-Systemen

    Die Ergebnisse liefern klare Grenzwerte für die Entwicklung von Agri-PV-Systemen, die eine qualitativ hochwertige Beerenproduktion bei gleichzeitiger Erzeugung erneuerbarer Energie gewährleisten. Die Studie zeigt, dass bei der Konzeption von Agri-PV-Systemen die artspezifische Lichtempfindlichkeit berücksichtigt werden sollte, um die agronomische

    Fazit

    • Erdbeeren sind empfindlicher gegenüber Beschattung als Himbeeren und benötigen mindestens 25 Mol Photonen pro Quadratmeter, um optimale Erträge und Qualität zu erzielen.
    • Himbeeren sind schattentoleranter und kommen mit mindestens 15 Mol Photonen pro Quadratmeter aus.
    • Mit zunehmender Beschattung sinkt die Festigkeit von Erdbeeren, sie hat jedoch keinen negativen Einfluss auf die Fruchtsüsse von Himbeeren.
    • Die Studie zeigt, dass bei der Entwicklung von Agri-PV-Systemen die artspezifischen Lichtbedürfnisse berücksichtigt werden sollten, um eine optimale agronomische Leistung zu erreichen.
  • Optimierte Käsereifung dank Textilhülle

    Optimierte Käsereifung dank Textilhülle

    Schmieregereifte Käse entwickeln in der Vorverpackung häufig Qualitätsprobleme wie Geruch und Klebrigkeit. Das neue Reifungsverfahren mit einer biologisch abbaubaren Textilhülle bietet eine Lösung. Dies zeigen Versuche in Praxisbetrieben.

    Käse mit einer Schmierereifung machen rund die Hälfte der Schweizer Käseproduktion aus. Ihre typische orange-braune Rinde entsteht durch eine Mikrobiota aus Hefen und Bakterien, die wesentlich zur Aroma- und Texturbildung beiträgt und gleichzeitig vor unerwünschten Mikroorganismen schützt. In der Praxis werden diese Käse häufig luftdicht verpackt. Dabei stirbt die sauerstoffabhängige Mikrobiota ab, wodurch sich unerwünschte Keime vermehren können. Dies führt zu Fehlgerüchen und klebrigen Oberflächen. Um diesen Qualitätsverlust zu vermeiden, wird die Schmiere vor dem Verpacken meist entfernt – ein zusätzlicher Arbeitsschritt, der das typische Erscheinungsbild beeinträchtigt.

    Mit dem neuen Käsereifungsverfahren können Arbeitsschritte optimiert werden. Die Käse werden direkt nach dem Salzbad in ein biologisch abbaubares Textil verpackt. Die Mikrobiota der Käseoberfläche wächst in der Folge auf dem Textil, das am Ende der Reifung einfach entfernt werden kann. Ein kleiner Teil der Mikrobiota bleibt auf dem Käse zurück, womit er die typische orange-braune Rinde behält.

    Beim Auspacken bleibt der grösste Teil der Schmiere am Textil haften und die Käse behalten dennoch ihre charakteristische Farbe (Foto: Cécile Stäger, Agroscope)

    Optimierte Schmierereifung mit messbaren Qualitätsvorteilen

    Das neue Verfahren bietet einige interessante Vorteile, da der Aufwand für die Käsepflege deutlich kleiner ist als bei der traditionellen Schmierereifung. Die Käse verlieren während der Reifung weniger Wasser, was den Reifeprozess beschleunigt, zu einer feineren Rinde, einem intensiveren Aroma und zu einer weicheren Textur führt. Nach der Reifung kann die Schmiere zusammen mit dem Textil einfach entfernt werden. Käse, die nach diesem Verfahren gereift wurden, bilden in der Vorverpackung keine Fehlgerüche und sie kleben nicht. Raclette-Käse überzeugen durch verbesserte Schmelzeigenschaften.

    Das Verfahren wurde beim europäischen Patentamt angemeldet und das Patent wurde Anfang 2023 erteilt.

    Von oben nach unten: Frisch eingepackte bis drei Monate gereifte Käse, gemäss dem neuen Verfahren (Foto: Cécile Stäger, Agroscope)

    Hohe Anforderungen an Fachwissen in der modernen Käsereifung

    Das neue Reifungsverfahren erfordert mindestens so viel Fachwissen wie die traditionelle Schmierereifung. Kleinste Abweichungen müssen möglichst frühzeitig festgestellt und entsprechende Anpassungen beim Klima oder bei der Pflege zielgerichtet vorgenommen werden. Auch an die Textilien bestehen spezifische Anforderungen, etwa hinsichtlich Elastizität, Lebensmittelsicherheit und biologischer Abbaubarkeit. Zielkonflikte – insbesondere zwischen Materialeigenschaften und der Migration unerwünschter Stoffe – wurden technisch adressiert. Wie bei der traditionellen Schmierereifung kann es auch beim neuen Reifungsverfahren kein Patentrezept geben, dass so für alle Käsesorten und in allen Reifungskellern funktioniert.

    Fazit

    • Das neue Reifungsverfahren zeigt Potenzial für Qualitätsverbesserungen und effizientere Produktionsprozesse bei schmieregereiftem Käse. Die Umsetzung erfordert jedoch angepasste Betriebsabläufe und Fachwissen.
    • Mittels vorgefertigter Stoffsäcke wird das neue Verfahren für die handwerkliche Käseherstellung eingeführt. Dabei empfiehlt Agroscope ein pragmatisches Vorgehen:
      • In einer ersten Phase nur eine begrenzte Anzahl Laibe einpacken und diese Laibe gleich wie die nicht-eingepackten Laibe pflegen.
      • In der zweiten Phase kann die mechanische Pflege mit der Bürste schrittweise reduziert werden und zugleich die Anzahl der Laibe sukzessiv erhöht werden.
      • In der dritten Phase kann dann die vollständige Umstellung auf das neue Reifungsverfahren erfolgen.

    Die dabei gewonnenen Erkenntnisse können anschliessend auch für industrielle Käsehersteller von Nutzen sein.

    • Das Verfahren ergänzt bestehende Praktiken und bietet je nach Ausgangslage unterschiedliche betriebliche Vorteile.
    • Auch für die Herstellung pflanzlicher Lebensmittel mit neuen sensorischen Eigenschaften oder einer höheren Trockenmasse eröffnet das neue Verfahren vielversprechende Möglichkeiten.
  • Ackerbau und Spezialkulturen im Berggebiet: Vom vergessenen Erbe zur Resilienzstrategie

    Ackerbau und Spezialkulturen im Berggebiet: Vom vergessenen Erbe zur Resilienzstrategie

    Berglandwirtschaft und Tierhaltung gelten als eng verbunden. Doch Klimarisiken, Marktdruck und gesellschaftlicher Wandel verengen die betrieblichen Spielräume. Pflanzliche Kulturen können sie standortangepasst erweitern.

    Über Jahrhunderte gehörte der Anbau von Acker- und Spezialkulturen zur Berglandwirtschaft. Mit der Spezialisierung auf Milch- und Fleischproduktion wurde er weitgehend verdrängt. Heute eröffnen veränderte Rahmenbedingungen neue Perspektiven: Längere Vegetationsperioden erweitern die Anbaumöglichkeiten in der Bergzone, die Nachfrage nach regionalen pflanzlichen Lebensmitteln wächst und die Schweizer Ernährungsstrategie 2025–2032 verankert die Förderung einer pflanzenbetonten Ernährung erstmals als strategisches Ziel. Gleichzeitig deckt die inländische Produktion nur rund 35 Prozent des Bedarfs an pflanzlichen Lebensmitteln, mit sinkender Tendenz.

    Acker- und Spezialkulturen können die weidebasierte Tierhaltung ergänzen

    Eine qualitative Studie mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Expertinnen und Experten aus der Schweiz, Österreich und Südtirol zeigt, dass Acker- und Spezialkulturen die weidebasierte Tierhaltung im Berggebiet standortspezifisch ergänzen können. Als komplementärer Betriebszweig fördern sie die betriebliche Diversifizierung, stärken Agrobiodiversität und Stoffkreisläufe und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klima- und Marktrisiken. Pionierbetriebe greifen historische Anbautraditionen auf und passen sie an heutige Bedingungen an.

    Hürden müssen überwunden werden

    Diesen Potenzialen stehen jedoch vier zentrale Hürden gegenüber. Das System agrarpolitischer Förderinstrumente begünstigt die Tierhaltung strukturell, spezialisierte Beratung für Acker- und Spezialkulturen im Berggebiet fehlt weitgehend, regionale Verarbeitungsinfrastrukturen sind lückenhaft und geeignete Sorten für Höhenlagen werden zu wenig gezüchtet und geprüft. Wissen wird daher oft im kostenintensiven Selbstversuch aufgebaut. Die Studie zeigt drei ineinandergreifende Rückkopplungen: Auf institutioneller Ebene stabilisieren die bestehenden Rahmenbedingungen das viehwirtschaftlich geprägte System und beschränken den Pflanzenbau auf eine Nische. Diese Asymmetrie schlägt auf die Betriebsebene durch, wo fehlendes Wissen die Experimentierkosten und damit die Risiken für interessierte Betriebe erhöht. Dass der Betriebszweig dennoch besteht, ist vor allem der intrinsischen Motivation und Kooperation einzelner Pionierbetriebe zu verdanken – ein Engagement, das ohne systemische Unterstützung jedoch begrenzt skalierbar ist.

    Damit dieses Engagement über einzelne Betriebe hinaus in der Breite wirksam wird, müssen die genannten Rahmenbedingungen konsequenter darauf ausgerichtet werden. Die Agrarpolitik 2030+ bietet hierfür ein konkretes Zeitfenster.

    Fazit

    • Acker- und Spezialkulturen im Berggebiet sind keine Ersatzstrategie zur Tierhaltung, sondern ein standortangepasster Baustein für mehr Resilienz und regionale Wertschöpfung.
    • Damit das Potenzial über einzelne Pionierbetriebe hinaus wirksam wird, braucht es spezialisierte Beratung und eine stärkere Verankerung in Aus- und Weiterbildung.
    • Investitionen in regionale Verarbeitungsinfrastruktur, Kooperationslösungen, gezielte Anreize in den Direktzahlungen und Fortschritte in Züchtung für Höhenlagen können die Diversifizierung skalieren.
    • Aus Pionierleistungen wird ein tragfähiger Entwicklungspfad, wenn betriebliche Initiative, regionale Kooperation und passende Förderung ineinandergreifen.
  • Standortangepasste Landwirtschaft: Wo Ackerbau nachhaltig möglich ist

    Standortangepasste Landwirtschaft: Wo Ackerbau nachhaltig möglich ist

    Ist die Schweizer Landwirtschaft standortangepasst? Agroscope und das Bundesamt für Landwirtschaft haben drei Szenarien evaluiert: Im nachhaltigsten existieren ähnlich viele Ackerflächen wie heute, jedoch liegen diese teilweise an anderen Orten.

    In der Schweiz soll die Nahrungsproduktion – gemäss Bundesverfassung – standortangepasst und ressourceneffizient erfolgen. «Standortangepasst» bedeutet, dass das agronomische und ökonomische Potenzial eines Standorts optimal genutztund dabei die ökologische Tragfähigkeit eingehalten wird.Die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Schweiz wird zu 58 % als Naturwiese, zu 38 % als Ackerland und zu 4 % mit Dauerkulturen bewirtschaftet (Stand 2024). Doch ist die heutige Nutzung standortangepasst?

    Potenziale für einen standortangepassteren Ackerbau

    Hierzu haben Forschende von Agroscope in Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) auf Basis national verfügbarer Daten analysiert, welche Landwirtschaftsflächen als Ackerland für die direkte menschliche Ernährung geeignet wären. Räumlich explizite Modellierungen, die für jeden Standort die Kriterien Boden, Klima und Topografie berücksichtigten, wurden durchgeführt. Bisherige Biodiversitätsförderflächen, Dauerkulturen und Sömmerungsflächen wurden nicht betrachtet.

    Das Vorgehen kurz erklärt

    Für die Analyse wurden drei Szenarien evaluiert. Das Ackerbaupotenzial wurde anhand geografischer Kriterien (Hangneigung, Boden- und Klimaeignung) sowie zweier ökologischer Kriterien (Vermeidung von Bodenerosion, Minimierung von Treibhausgasemissionen aus entwässerten organischen Böden) ermittelt. Dabei wurde die landwirtschaftliche Nutzfläche mit der Hangneigung, der Bodeneignungskarte und der Klimaeignung überlagert. In Szenario 1 wurde davon ausgegangen, dass eine Fläche ackerfähig ist, wenn sie eine Neigung von maximal 35 % aufweist und die Klima- sowie Bodeneigenschaften den Anbau von Weizen ermöglichen. In Szenario 2 wurden davon Flächen mit hohem Erosionsrisiko ausgeschlossen. In Szenario 3 wurden zusätzlich Flächen mit organischen Böden als nicht nachhaltig ackerfähig ausgeschlossen.

    Was die Analyse zeigt

    Während Szenario  1 ein sehr grosses Ackerpotenzial aufweist (mehr als heute), ähnelt Szenario 2 mit seiner Ackerfläche stark der aktuellen Nutzung. Die beiden Szenarien unterscheiden sich insbesondere dadurch, dass etwa 40 Prozent des Ackerlandes aus Szenario 1 aufgrund des Erosionsrisikos in Szenario 2 besser als Grasland genutzt werden sollte. In Szenario 3 wurden zudem die organischen Böden als nicht nachhaltig ackerfähig ausgeschlossen und als Grasland genutzt. Der räumliche Unterschied zwischen den Szenarien 2 und 3 ist gering.

    Genügend Ackerfläche – aber teilweise am falschen Ort

    Die Ergebnisse zeigen: In Szenario 3 stünden ähnlich viele Ackerflächen wie heute zur Verfügung (ebenfalls 38 % Ackerland, 58 % Grasland). Allerdings zeigen die Analysen regional räumliche Veränderungen der Landnutzung im Vergleich zu heute. Einige Grasland-Flächen sollten besser als Ackerland, einige Ackerflächen besser als Grasland bewirtschaftet werden, um das agronomische Potenzial voll auszuschöpfen und gleichzeitig den Erhalt der Biodiversität und den Schutz des Klimas zu gewährleisten.

    Die vorliegenden Arbeiten untersuchten das agronomische Potenzial für die Eignung eines Standorts als Ackerland. Eine standortangepasste Landwirtschaft berücksichtigt jedoch auch ökologische, ökonomische und soziale Aspekte z.B. durch eine standortangepasste Fruchtfolge. Agroscope und das BLW werden diese Dimensionen in den kommenden Jahren verstärkt in ihre weiteren Arbeiten zur standortangepassteren Produktion einbeziehen.

    Fazit

    • Eine standortangepasste Landwirtschaft nutzt das agronomische und ökonomische Potenzial eines Standorts unter Einhaltung der ökologischen Tragfähigkeit optimal aus.
    • Mitarbeitende von Agroscope und BLW untersuchten, welche Landwirtschaftsflächen sich als Ackerland zum Anbau von Kulturen zur direkten menschlichen Ernährung eignen und ob das agronomische Potenzial der jeweiligen Flächen akutell für den Ackerbau ausgeschöpft wird.
    • Dazu wurden räumlich explizite Modellierungen von drei Szenarien unter Einbezug geografischer (Boden, Klima, Topografie) und verschiedener ökologischer Kriterien (Erosionsgefährdung, organische Böden) durchgeführt.
    • Die Ergebnisse zeigen: Im nachhaltigsten Szenario 3 stehen ähnlich viele Ackerflächen wie heute zur Verfügung, jedoch liegen diese teilweise an anderen Orten.
  • Weniger Kupfer im Weinbau: Kombinationen von Massnahmen bringen den grössten Effekt

    Weniger Kupfer im Weinbau: Kombinationen von Massnahmen bringen den grössten Effekt

    Kupfer ist im Schweizer Weinbau weit verbreitet – steht aber wegen Risiken unter Druck. Eine neue Studie der ETH Zürich zeigt, wie sich der Einsatz reduzieren lässt. Welche Massnahmen machen den Unterschied?

    Kupferhaltige Fungizide sind ein zentrales Element im Pflanzenschutz des biologischen und konventionellen Weinbaus, insbesondere zur Bekämpfung von Falschem Mehltau. Gleichzeitig gilt Kupfer aufgrund seiner Persistenz im Boden und negativer Effekte auf Bodenorganismen als umweltkritisch. In der Schweiz und der EU steht der Einsatz daher zunehmend unter regulatorischem Druck, mit dem Ziel, Risiken zu reduzieren und langfristig Alternativen zu etablieren.

    Sehr heterogene Ansätze zur Kupferreduktion

    Eine Befragung der ETH Zürich von 489 Schweizer biologischen und konventionellen Weinbaubetrieben in allen Sprachregionen zeigt, dass 73 % der Betriebe kupferhaltige Fungizide einsetzen. Von diesen wenden bereits 57 % explizite Massnahmen zur Reduktion an. Die Umsetzung der Massnahmen ist jedoch sehr heterogen: Insgesamt wurden 94 unterschiedliche Strategien identifiziert, meist als Kombination mehrerer Massnahmen. Einzelmassnahmen spielen eine untergeordnete Rolle.

    Am häufigsten werden kurzfristig umsetzbare Effizienz- und Präventionsmassnahmen genutzt, etwa angepasste Kupferdosierungen, optimierte Spritzzeitpunkte oder Laubarbeiten. Substitutionsansätze (z. B. Kupferalternativen wie Calciumcarbonat) sowie langfristige Systemveränderungen, zum Beispiel durch den Einsatz pilzwiderstandsfähiger Sorten werden deutlich seltener eingesetzt.

    Grösste Reduktionspotenziale entstehen durch kombinierte Strategien

    Die statistische Analyse zur auf den Betrieben eingesetzten Kupfermenge zeigt: Die grössten Reduktionspotenziale entstehen durch kombinierte Strategien. Besonders wirksam ist die Kombination von Prävention, Effizienz und grundlegenden Systemanpassungen (Redesign). Diese Kombination ermöglicht im Durchschnitt eine Reduktion von rund 0,65 kg/ha/Jahr gegenüber Betrieben ohne Reduktionsmassnahmen. Rein substitutionsbasierte Ansätze oder isolierte Massnahmen zeigen hingegen keine signifikanten Effekte.

    Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, dass viele Betriebe bereits unterhalb der gesetzlichen und von Labels vorgegebenen Grenzwerte arbeiten. Dennoch bleibt die Belastung problematisch, da Kupfer im Boden akkumuliert und langfristig wirkt. Eine nachhaltige Reduktion erfordert also mehr als eine Optimierung bestehender Praktiken, sondern strukturelle Veränderungen in Produktionssystemen, z.B. durch die Verwendung pilzwiderstandsfähiger Sorten.

    Fazit und Empfehlungen

    • Die Reduktion von Kupfer im Weinbau ist möglich, erfordert jedoch kombinierte Ansätze.
    • Politik und Beratung sollten verstärkt Präventions- und Redesignmassnahmen fördern, etwa durch Unterstützung der Etablierung pilzwiderstandsfähiger Sorten, Wissensaustausch und gezielte Anreize für Massnahmenkombinationen.
    • Einzelmassnahmen reichen nicht aus. Stattdessen sind kombinierte Strategien entscheidend, um Umweltziele zu erreichen, ohne die Produktion zu gefährden.
  • Agri-PV im Kanton Zürich: Ökonomische Potenziale nutzen, Risiken steuern

    Agri-PV im Kanton Zürich: Ökonomische Potenziale nutzen, Risiken steuern

    Agri-Photovoltaik kann im Kanton Zürich Landwirtschaft und Stromproduktion sinnvoll verbinden. Die Machbarkeitsstudie zeigt wirtschaftliches Potenzial – jedoch mit standortabhängigen Unsicherheiten und hohen Anforderungen an Planung und Bewilligung.

    Die Energiewende und der Druck auf landwirtschaftliche Flächen erfordern innovative Lösungen. Agri-Photovoltaik (Agri-PV) ermöglicht die gleichzeitige Nutzung von Flächen für Landwirtschaft und Energieproduktion. Die Machbarkeitsstudie im Rahmen der «Pilotprojekte Agri-Photovoltaik im Kanton Zürich» untersuchte acht Standorte für Agri-PV Projekte im Kanton Zürich hinsichtlich agronomischer und wirtschaftlicher Aspekte und liefert wichtige Erkenntnisse für Politik und Praxis.

    Grundsätzlich realisierbar – teilweise hohe Winterstromproduktion möglich

    Die Analyse zeigt, dass Agri-PV-Anlagen grundsätzlich realisierbar sind und teilweise attraktive Investitionsmöglichkeiten bieten. Die Wirtschaftlichkeit variiert jedoch stark, abhängig von Anlagentyp, Grösse und Standortbedingungen. Besonders robuste Kostenschätzungen existieren für vertikale Systeme, während bei komplexeren Tracking-Anlagen Unsicherheiten bestehen.

    Die spezifischen Stromerträge von Agri-PV-Anlagen liegen je nach Anlagentyp typischerweise zwischen 1100 und 1470 kWh/kWp pro Jahr und damit über den Erträgen klassischer PV-Dachanlagen. Unterschiede zeigen sich insbesondere in der saisonalen Produktion:

    • Zweiachsige und einachsige Trackingsysteme erzielen die höchsten absoluten Stromerträge sowie eine besonders hohe Winterstromproduktion.
    • Vertikale Anlagen weisen zwar geringere Gesamtproduktion auf, erreichen jedoch den höchsten Anteil an Winterstrom.
    • Bei fix aufgeständerten Systemen fällt der Jahresertrag im Vergleich zur vertikalen Anlage leicht höher aus, während der Winterstromanteil geringer ist.

    Diese Unterschiede sind für die Wirtschaftlichkeit entscheidend, da Winterstrom im Schweizer Energiesystem besonders gefragt ist.

    Eigenverbrauchsmodelle sowie lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) können die Wirtschaftlichkeit deutlich verbessern, sind jedoch nicht an allen Standorten realisierbar. Zudem erfordert die Umsetzung eine komplexe Abstimmung zwischen Landwirtschaft, Raumplanung, Netzbetreibern und Investoren.

    Fehlende Praxiserfahrung bringt Herausforderungen

    Die Identifikation geeigneter Flächen ist aufwendig und mit Unsicherheiten verbunden. Genehmigungsverfahren sind komplex und rechtlich teilweise unklar, insbesondere im Hinblick auf die Anforderungen des Raumplanungsgesetzes. Auch fehlen Praxiserfahrungen, insbesondere für Anwendungen auf Acker- und Grünlandflächen.

    Agronomisch bieten Agri-PV-Anlagen Chancen wie Schutz vor Extremwetter oder mikroklimatische Vorteile, erfordern jedoch spezifisches Know-how und sorgfältige Planung. Gleichzeitig müssen Bodenbelastung und landwirtschaftliche Produktivität berücksichtigt werden.

    Wirtschaftliches Potenzial mit deutlichen Spannweiten

    Die untersuchten Agri-PV-Anlagen zeigen je nach Standort und Anlagentyp grosse Unterschiede. Die Investitionskosten reichen von 1100 bis 2500 Fr./kWp, inklusive Netzanschluss. Bei einem Extrembeispiel beliefen sich die Investitionskosten auf Fr. 4000 Fr./kWp. Kosten über 1700 Fr./kWp sind vor allem auf kleine und/oder komplexe Anlagen zurückzuführen. Die Stromgestehungskosten liegen mehrheitlich bei 4.5 bis 7.5 Rp./kWh nach Förderung bzw. 7.5 bis 12 Rp./kWh vor Förderung. Damit kann Agri-PV im Vergleich zu anderen neuen Stromerzeugungstechnologien kostengünstig Strom liefern.

    Best-Case-Renditen für Landwirtschaftsbetriebe

    Für die wirtschaftlich attraktivsten Varianten weist die Studie einen potenziellen finanziellen Ertrag von 8000 bis 16 000 Fr./ha/Jahr aus. Über eine angenommene Laufzeit von 25 Jahren entspricht dies einem Nettobarwert von 200 000 bis 400 000 Fr./ha. Untersuchte externe Finanzierungsmodelle bieten dagegen Pachtzinsen von 10 bis 20 Fr./kWp, was je nach installierter Leistung 2500 bis 10 000 Fr./ha/Jahr bzw. 62 500 bis 250 000 Fr./ha über 25 Jahre ergibt. Die Eigeninvestition kann somit deutlich höhere Erträge ermöglichen, setzt aber Kapital und Risikobereitschaft voraus.

    Fazit und Empfehlungen

    • Gezielte Förderung und Beratung ausbauen: Agri-PV-Projekte sind komplex und benötigen interdisziplinäres Know-how. Beratungsangebote können Einstiegshürden senken und die Investitionssicherheit erhöhen.
    • Rechtliche Klarheit schaffen: Einheitliche und transparente Bewilligungskriterien sind entscheidend, um Planungssicherheit für landwirtschaftliche Betriebe und Investoren zu gewährleisten. Rechtliche Rahmenbedingungen – insbesondere im Bodenrecht – sind hierbei entscheidend.
    • Pilotprojekte und Referenzanlagen fördern: Erste erfolgreiche Projekte sind zentral, um Praxiserfahrungen zu sammeln, Vertrauen aufzubauen und Skalierungspotenziale zu erschliessen.
    • Markt- und Preisrisiken berücksichtigen: Politische Instrumente sollten helfen, Unsicherheiten bei Strompreisen und Vergütungen zu reduzieren und langfristige Investitionen zu ermöglichen.
  • Wann sind batterieelektrische Traktoren wirtschaftlich tragfähig?

    Wann sind batterieelektrische Traktoren wirtschaftlich tragfähig?

    Eine systematische Literaturübersicht zeigt, dass batterieelektrische Traktoren unter bestimmten Bedingungen wirtschaftlich tragfähig sein können – insbesondere bei hoher jährlicher Nutzung, leichten Arbeiten, der Einbindung erneuerbarer Energien und geeigneten politischen Rahmenbedingungen.

    Batterieelektrische Traktoren (BETs) werden als Alternative mit deutlich reduzierten CO₂‑Emissionen zu herkömmlichen dieselbetriebenen Traktoren diskutiert. Ob sie in der Landwirtschaft tatsächlich eine tragfähige Option darstellen, hängt jedoch nicht nur vom technischen Fortschritt ab, sondern vor allem von ihrer Wirtschaftlichkeit und von der Bereitschaft der Landwirtinnen und Landwirte, sie einzusetzen. Um diese Fragen zu untersuchen, führten Forschende von Agroscope eine systematische Literaturübersicht durch.

    BETs sind nur unter bestimmten Bedingungen wirtschaftlich tragfähig

    Die Studie zeigt, dass BETs unter bestimmten Bedingungen wirtschaftlich tragfähig sein können, derzeit jedoch noch nicht in allen landwirtschaftlichen Systemen wirtschaftlich tragfähig sind.

    Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit der BETs:

    • Grösse und Leistung des Traktors,
    • Intensität der Arbeiten,
    • jährliche Nutzungsdauer,
    • Strompreis,
    • Lebensdauer der Batterie
    • unterstützenden politische Rahmenbedingungen.

    Besonders gute Voraussetzungen bestehen bei leichten Arbeiten wie Mähen, Spritzen oder leichtem Transport, insbesondere in kleinstrukturierten Betrieben, im Gartenbau, Weinbau, Biolandbau und in der Gewächshausproduktion. Eine hohe jährliche Nutzung ist dabei entscheidend. Mehrere Studien zeigen, dass BETs vor allem dann kostenmässig konkurrenzfähig werden, wenn sie intensiv genutzt werden, häufig bei mehr als 800 Betriebsstunden pro Jahr. Die Wirtschaftlichkeit verbessert sich zusätzlich, wenn Betriebe BETs mit hofeigenen Photovoltaikanlagen, günstigen Stromtarifen oder autonomen Technologien kombinieren können. Schwieriger bleibt die Elektrifizierung hingegen bei leistungsstarken Traktoren und schweren Arbeiten, da die heutige Batterietechnologie weiterhin mit hohen Anschaffungskosten, Ladeeinschränkungen und technischen Grenzen verbunden ist.

    Landwirtinnen und Landwirte entscheiden in erster Linie nach wirtschaftlichen Kriterien

    Die Studie zeigt zudem, dass Landwirtinnen und Landwirte BETs in erster Linie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilen. Das wichtigste Hindernis sind entsprechend die hohen Anschaffungskosten. Hinzu kommen Unsicherheiten in Bezug auf Batteriewechselkosten, Reichweite, Ladezeit, Infrastruktur und langfristige Leistungsfähigkeit. Zwar sprechen tiefere Energie- und Wartungskosten für BETs, doch gleichen diese Vorteile die hohen Investitionskosten unter den heutigen Bedingungen häufig nicht vollständig aus. Jüngere, umweltorientierte Landwirtinnen und Landwirte sowie Personen mit Vorerfahrung mit Elektrofahrzeugen stehen der Einführung tendenziell offener gegenüber. Doch auch in diesen Gruppen reicht die Umweltmotivation allein meist nicht aus, um den höheren Preis zu rechtfertigen. Insgesamt bleibt die wirtschaftliche Tragfähigkeit die zentrale Voraussetzung für eine breitere Verbreitung.

    Ein Massnahmenmix ist nötig, um die Einführung zu beschleunigen

    Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass sich BETs nur mit einer Kombination verschiedener Massnahmen in grösserem Umfang durchsetzen werden. Gezielte Kaufsubventionen, zinsgünstige Finanzierungsmöglichkeiten, Investitionshilfen für Ladeinfrastruktur, landwirtschaftliche Stromtarife und Anreize für erneuerbare Energien auf Betriebsebene können die Wirtschaftlichkeit verbessern. Gleichzeitig braucht es Demonstrationsprojekte, Beratungsangebote und besser aufbereitete Informationen, um Unsicherheiten abzubauen und das Vertrauen der Landwirtinnen und Landwirte in die Technologie zu stärken. Eine breitere Einführung von BETs erfordert somit einen doppelten Ansatz: finanzielle und technische Hürden zu senken und gleichzeitig Wissenstransfer, Schulungen und Demonstrationsmassnahmen zu stärken.

    Fazit

    • Batterieelektrische Traktoren sind derzeit nur unter bestimmten Bedingungen wirtschaftlich tragfähig, insbesondere bei leichten Arbeiten, hoher jährlicher Nutzung, unterstützenden politischen Rahmenbedingungen und in vielen Fällen beim Zugang zu betriebseigener erneuerbarer Energie.
    • Die Entscheidungen der Landwirtinnen und Landwirte zur Einführung werden vor allem von wirtschaftlichen Überlegungen bestimmt. Hohe Anschaffungskosten sowie Unsicherheiten hinsichtlich Batteriekosten, Reichweite, Laden und langfristiger Zuverlässigkeit bleiben die wichtigsten Hindernisse.
    • Eine breitere Einführung erfordert einen Policy-Mix, der finanzielle Anreize, Infrastruktur- und Unterstützung für erneuerbare Energien, weitere technologische Fortschritte sowie Wissenstransfer durch Beratung und Demonstrationsaktivitäten kombiniert.
  • Die Stickstoffversorgung des Mosts beginnt schon im Rebberg

    Die Stickstoffversorgung des Mosts beginnt schon im Rebberg

    Die heissen und trockenen Jahre zwischen 2021 und 2025 führten im Kanton Waadt zu einem deutlichen Rückgang des assimilierbaren Stickstoffs im Traubenmost, insbesondere bei der Rebsorte Chasselas. Dies hatte direkte Auswirkungen auf die Gärung und die Weinqualität.

    Der Kanton Waadt verfügt über ein Netz von mehr als 140 Versuchsparzellen, auf denen in vier Rebbaugebieten die Reifung der wichtigsten Rebsorten systematisch beobachtet wird. Dieses Netzwerk ermöglicht es, die Zusammensetzung des Traubenmosts in Abhängigkeit von Klima, Rebsorte sowie Standort- und Bodenbedingungen zu untersuchen.

    Die zwischen 2021 und 2025 erhobenen Daten zeigen, dass sich der Jahrgang 2022, der wärmer und trockener war, im Vergleich zu regenreicheren Jahren durch höhere Zuckergehalte, niedrigere Säurewerte sowie geringere Gehalte an assimilierbarem Stickstoff auszeichnet. Im Jahr 2022 wurde bei der Ernte mit durchschnittlich 119 mg N/l der bislang niedrigste Gehalt an assimilierbarem Stickstoff innerhalb der Versuchsreihe gemessen, während dieser Wert im Jahr 2024 154 mg N/l betrug (Abb. 1).

    Abbildung 1. Von Hefen assimilierbarer Stickstoff (Ammonium + Aminosäuren) im Most bei der Weinlese nach (A) Jahr, (B) Region und (C) Rebsorte. Die unterschiedlichen Buchstaben weisen auf einen signifikanten Unterschied gemäss Tukey-Test (p-value < 0.05) hin. Waadt, Suisse, 2021-2025. n = Anzahl der untersuchten Parzellen; Fehlerbalken = Standardabweichung.
     

    Der Einfluss der Rebsorte ist besonders hoch. Über alle Jahrgänge und Regionen hinweg weist Chasselas mit durchschnittlich 115 mg N/l den niedrigsten Gehalt an assimilierbarem Stickstoff auf, während Gamay und Pinot Noir mit 149 bzw. 153 mg N/l höhere Werte erreichen. Zudem nimmt beim Chasselas der Stickstoffgehalt zwischen Reifebeginn und Ernte weiter ab, im Mittel um 16,4 %. Bei den Rebsorten Gamay und Pinot Noir hingegen bleibt der Gehalt weitgehend stabil. Diese erhöhte Anfälligkeit beim Chasselas steigert das Risiko langsamer oder unvollständiger Gärungen und kann die aromatische Entfaltung der Weine beeinträchtigen.

    Die regionalen Unterschiede liefern eine zweite, für Beratung und Entscheidungsfindung besonders relevante Betrachtungsebene. So weisen die Regionen Chablais und Lavaux mit durchschnittlich 163 bzw. 149 mg N/l die höchsten Gehalte an assimilierbarem Stickstoff auf, während La Côte und der Nordvaud mit 121 bzw. 123 mg N/l niedrigere Werte zeigen. Diese Unterschiede widerspiegeln den Einfluss der Bodentiefe und des Wasserhaushalts der jeweiligen Terroirs: Tiefwurzelnde Reben sind besser in der Lage, Wasser- und Stickstoffstress zu überstehen, während flache oder verdichtete Böden die Belastungen insbesondere in trockenen Jahren verstärken. Vor diesem Hintergrund gewinnen Bodenpflege und Begrünung zunehmend an Bedeutung, da eine unzureichend kontrollierte Pflanzenkonkurrenz den Zugang der Rebe zu Wasser und Nährstoffen erheblich einschränken kann.

    Dies zeigt deutlich, dass sich der Stickstoffhaushalt nicht allein im Weinkeller korrigieren lässt. Er wird bereits im Rebberg durch eine ganzheitliche Bewirtschaftung geprägt. Diese umfasst Bodenpflege, Begrünung, das Blatt‑Frucht‑Verhältnis sowie die Düngung. Die Faktoren sind entscheidend, um Stickstoffmangel im Most vorzubeugen und die Weinqualität nachhaltig zu sichern – insbesondere bei der Rebsorte Chasselas.

    Fazit

    • In heissen und trockenen Jahren sinkt der Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most.
    • Die Rebsorte Chasselas ist am besten geeignet, wenn es um die Vorbeugung von Mangelerscheinungen geht.
    • Die Unterschiede zwischen den Regionen bestätigen die zentrale Rolle der Boden- und Klimabedingungen.
    • Die Bodenbewirtschaftung und die Begrünung sind wichtige Einflussfaktoren.
    • Das Netzwerk zur Beobachtung der Reifung im Kanton Waadt kann die Beratung, die Risikovorhersage und die Anpassung an den Klimawandel unterstützen.
  • Der neue Förderbeitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität

    Der neue Förderbeitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität

    Die bisherigen Vernetzungs- und Landschaftsqualitätsbeiträge werden zum neuen Beitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität zusammengeführt. Diese Studie bewertet die geplante Zusammenlegung aus Sicht der agrarpolitischen Literatur.

    Die Vernetzungsbeiträge (VNB) und Landschaftsqualitätsbeiträge (LQB) waren bisher wichtige Programme zur Erhaltung und Förderung der regionalen Biodiversität und der Qualität und Vielfalt der Kulturlandschaft. Gemäss Parlamentsentscheid werden diese Programme 2028 zum neuen Beitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität (BrBL) zusammengeführt.

    Ziele der Zusammenführung:

    • Ein geringerer administrativer Aufwand für Bewirtschaftende,
    • Ein einfacherer Vollzug für die Kantone,
    • Ein tieferer Verwaltungsaufwand für Kontrollbehörden und Bund sowie die Nutzung von Synergien bei der Förderung von Biodiversität und Qualität der Kulturlandschaft,
    • Die Zusammenlegung soll ausserdem zu einer Harmonisierung von Trägerschaften, Laufzeiten und Perimetern der Projekte führen.

    Dieser Artikel analysiert die bisherigen Erfahrungen mit VNB und LQB, ihre Stärken und Schwächen sowie die daraus abzuleitenden Konsequenzen für die künftige Umsetzung des BrBL.

    Landschaftsqualitätsbeiträge: Regional flexibel und wirksam

    Die LQB haben zum Ziel, die Qualität und Vielfalt der Kulturlandschaft zu erhalten und zu fördern. Die LQB basieren auf einem regionalen Ansatz, d.h. Projekte werden durch regionale Trägerschaften umgesetzt, durch den Bund bewilligt und von Kanton und Bund kofinanziert. Die Kantone verfügen über erheblichen Spielraum bei der Ausgestaltung der Landschaftsqualitätsprojekte (LQP). Die Massnahmen der LQP sind divers und kantonal unterschiedlich: Im Kanton Glarus umfassen sie zum Beispiel Grenzstrukturen wie Hecken, Trockensteinmauern und Zäune, Infrastrukturen wie Ställe sowie weitere Strukturelemente wie Oberflächengewässer.   

    Bei den LQB wurden deutliche Mitnahmeeffekte ausgemacht, d.h. einige der Massnahmen würden auch unentgeltlich weitergeführt und haben daher eher einen erhaltenden Effekt. Die Beitragshöhe der verschiedenen Massnahmen scheint aber angemessen, auch wenn die Erbringungskosten äusserst heterogen sind. Positive Effekte auf die Landschaftsqualität umfassen insbesondere die Erhaltung regionaler Kulturlandschaften und die Sensibilisierung teilnehmender Landwirtinnen und Landwirte für landschaftsspezifische Aspekte.

    Vernetzungsbeiträge: Biodiversitätsgewinn trotz Umsetzungsdefiziten

    Die VNB wurden im Jahr 2001 mit dem Ziel eingeführt, die Artenvielfalt in der Landwirtschaft zu stärken. Die bereits zuvor eingeführten Biodiversitätsförderflächen (BFF) sollten mithilfe von Vernetzungsprogrammen (VNP) an besserer Lage und mit zusätzlichen Auflagen angelegt werden, um die regionsspezifischen Ziel- und Leitarten noch besser zu fördern. Auch hier haben die Kantone einen grossen Spielraum bzgl. der Ausgestaltung der VNB und definieren das Umsetzungskonzept in kantonalen Richtlinien selbst. Zudem kann ein VNP durch Landwirtinnen und Landwirte, landwirtschaftliche Organisationen, Gemeinden oder Vereine angestossen werden.

    VNP führen laut Studien zu einem höheren Niveau an Biodiversität und erfüllen damit ihr zentrales Ziel. Allerdings weisen Evaluationen auch auf Verbesserungspotenziale hin. Während die Quantität der Vernetzungsflächen generell als genügend eingestuft wird, mangelt es an der Qualität der Flächen bzw. der VNP sowie an der Wahl der geeigneten Lage. Die Regionalisierung wird ebenfalls sowohl geschätzt als auch kritisiert. Sie wird geschätzt aufgrund der Flexibilität bei der Wahl der Massnahmen, bei der regionale Eigenschaften berücksichtigt werden können. Allerdings führen gerade die Regionalisierung und der grosse Spielraum der Kantone dazu, dass viele Projekte lediglich die Mindestvorgaben des Bundes umsetzen. Ein tatsächlicher Mehrwert wird oft nur dann generiert, wenn es engagierte Personen im Projekt gibt, die viel Energie und Zeit investieren können.

    Die Herausforderungen des BrBL im Überblick: mehr Effizienz, neue Zielkonflikte

    Die Zusammenlegung eröffnet Chancen zur besseren Wirkung, zur administrativen Vereinfachung, zur Harmonisierung von Trägerschaften und Perimetern sowie zur Nutzung von Synergien zwischen Biodiversität und Landschaftsqualität. Gleichzeitig ergeben sich Spannungsfelder zwischen regionaler Gestaltungsfreiheit und klaren Vorgaben, zwischen einfacher Handhabung und wirksamer Anreizstruktur sowie zwischen ökologischen und ästhetischen Zielen. Damit der BrBL diese Herausforderungen meistern kann, helfen insbesondere ambitionierte Projektziele und klare Qualitätsvorgaben.

    Fazit

    • Die Vernetzungsbeiträge und Landschaftsqualitätsbeiträge sind wichtige Instrumente zur Erhaltung und Förderung der regionalen Biodiversität und der Qualität und Vielfalt der Kulturlandschaft.
    • Diese Instrumente werden gemäss Parlamentsentscheid 2028 zum neuen Beitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität (BrBL) zusammengeführt. Daraus entstehen Chancen und Risiken.
    • Die Zusammenlegung eröffnet Chancen zur besseren Wirkung, zur administrativen Vereinfachung, zur Harmonisierung von Trägerschaften und Perimetern sowie zur Nutzung von Synergien zwischen Biodiversität und Landschaftsqualität.
    • Gleichzeitig bestehen Zielkonflikte zwischen Gestaltungsfreiheit und einfacher Handhabung auf der einen und klaren Vorgaben und wirksamen Anreizen auf der anderen Seite.
    • Ambitionierte Projektziele und klare Qualitätsvorgaben könnten diese Spannungen abfedern.
  • Wechselwirkungen zwischen Pflanzen können sich positiv auf Anbausysteme auswirken

    Wechselwirkungen zwischen Pflanzen können sich positiv auf Anbausysteme auswirken

    Pflanzen-Pflanzen-Interaktionen können zu Ertragssicherheit und Resilienz beitragen. Die Bedeutung dieser Interaktionen in der Landwirtschaft ist umstritten, was auch daran liegt, dass die Mechanismen grösstenteils unklar sind. Diese Studie fasst den Wissensstand zusammen.

    In verschiedenen landwirtschaftlichen Systemen werden unterschiedlichen Nutzpflanzen kombiniert. So werden Schaderreger reduziert, die Resilienz und im Optimalfall der Ertrag gesteigert. Momentan werden die gewinnbringenden Pflanzenkombinationen in Feldversuchen bestimmt, weil die wissenschaftlichen Grundlagen nicht ausreichen, um vorherzusagen, warum z.B. eine gewisse Weizensorte gut mit einer Erbsenvarietät funktioniert, aber nicht mit einer anderen Erbsensorte. Das Interesse ist gross, die Auswirkungen von Pflanzeninteraktionen vorherzusagen, um die Resilienz von Pflanzen im Anbau zu fördern.

    Mischkulturen und Fruchtfolgen werden seit Jahrtausenden erfolgreich eingesetzt. Der Erfolg dieser Systeme beruht darauf, dass die Pflanzen sich bezüglich Licht-, Wasser-, und Nährstoffnutzung ergänzen. Interessanterweise lassen sich jedoch nicht beliebige Varietäten kombinieren, welche diese Kriterien erfüllen, was unter anderem an der molekularen Interaktion der Pflanzen liegen kann. Mit einem verbesserten Verständnis dieser Interaktionen können neue Strategien für eine nachhaltige Landwirtschaft erschlossen werden, welche die Resilienz dieser Produktionssysteme verstärken.

    Diese Studie fasst den aktuellen Wissensstand zu molekularen Mechanismen zusammen.

    Wie Pflanzen optimal miteinander kommunizieren – Chancen für nachhaltige Anbausysteme

    Pflanzen geben Wurzelexudate in den Boden ab (Metabolite wie Zucker und Aminosäuren), welche Nahrungsquelle und Signalstoffe für Organismen im Boden wie Bakterien und Pilze sind, die dann ihrerseits das Wachstum anderer Pflanzen positiv oder negativ beeinflussen können.

    Abbildungslegende: Pflanzen interagieren sowohl ober- als auch unterirdisch über die Konkurrenz um Ressourcen und den Austausch von Metaboliten und über die Strukturierung von mikrobiellen Gesellschaften (Grafikquelle: Joelle Schläpfer). Hier ist das Trio Mais (blau), Erbse (rot) und Kürbis (gelb) dargestellt, das seit Jahrtausenden unter ressourcenarmen Bedingungen wie in Südamerika zusammen angebaut wird zur Ertragssteigerung

    Mischkulturen stärken Produktivität und Widerstandsfähigkeit

    Räumliche Vielfalt durch Mischkulturen kann die Ernteerträge und -qualität verbessern, den Nährstoffgehalt erhöhen und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und Ernteausfällen steigern. Eine häufig eingesetzte Kombination sind Leguminosen (z.B. Erbsen, Soja) in Kombination mit Mais oder Weizen. Es wurde gezeigt, dass die Exudat-Profile von beiden Partnern sich signifikant verändern in Mischkultur, wobei die Änderungen in Getreide-Exudaten zu einer erhöhten Stickstoff-Fixierung der Leguminose führen, was wiederum der Nährstoffgehalt des Getreides erhöht. Grundsätzlich sind Mikrobiome von Mischkulturen diverser. Mykorrhiza-Pilze können positive Effekte auf Planzen haben und kommen mehr oder weniger abundant vor in Mischkulturen, je nach Versuch. Jedoch wurde Mykorrhiza-Abundanz mit exudierten organischen Säuren korreliert, was einen Hinweis darauf gibt, dass Exudate ihre Präsenz beeinflussen können. Grundsätzlich wurden viele Metabolite und Mikroben identifiziert, welche in gewissen Mischkulturen zentral sind. Jedoch sind noch keine spezifischen Trends ersichtlich.

    Fruchtfolge: Ein bewährtes Prinzip für nachhaltige Landwirtschaft

    Fruchtfolge ist eine bewährte Methode, um die Vielfalt der angebauten Pflanzenarten zeitlich zu gestalten. Beim wiederholten Anbau derselben Kulturpflanze können Ertragseinbussen entstehen, welche durch unterschiedliche Phänomene verursacht werden können: beim kontinuierlichen Leguminosen-Anbau sinkt die Biomasse von Mikroben, deren Diversität und Aktivität, und Auto-Toxine werden angereichert. Bei der Fruchtfolge hingegen bleibt das Vorkommen von bodenbürtigen Schaderregern tief. Bezogen auf Krankheiten können einerseits andere Mikroben die Nischen der Erreger besetzen und andererseits können die Erreger spezifisch gehemmt werden. Die Fruchtfolge sowie die Vielfalt und die Zusammensetzung von Mikrobiomen wurde als zentral identifiziert für Krankheitsanfälligkeit von z.B. Weizen, Kartoffel. In wenigen Studien wurden erste Metabolite identifiziert, welche die krankheitsunterdrückenden Mikroben anlocken. Grundsätzlich ist noch sehr wenig bekannt über die Mechanismen, welche Metabolite und Mikroben im Boden angereichert werden, und wie sie die Anfälligkeit von Nutzpflanzen beeinflussen.

    Fazit

    • Um positive Effekte der Kombination von mehreren Pflanzenarten gezielt zu nutzen, müssen die darunterliegenden Mechanismen verstanden werden. Neben der Nutzung von unterschiedlichen Nischen (Wasser, Nährstoffe, Licht) sind Interaktionen über Metabolite und Mikroben zentral, die jedoch noch schlecht untersucht sind.
    • Verschiedene Studien finden eine hohe Mikrobiom-Diversität assoziiert mit Pflanzen, welche positive Effekte zeigen. Je nach System werden einzelne Metabolite und Mikroben identifiziert, welche die Effekte verursachen. Allgemein gültige Muster wurden jedoch noch nicht gefunden.
  • Wie wirtschaftlich ist die Schweizer Ziegenmilchproduktion?

    Wie wirtschaftlich ist die Schweizer Ziegenmilchproduktion?

    Ziegen sind beliebt, doch nur die wenigsten Ziegenhalter können damit Geld verdienen. Wirtschaftlich interessant wird es erst ab einer Jahresproduktion von 100 Tonnen Milch, was je nach Leistung etwa 120 bis 180 Milchziegen entspricht.

    Schweizweit halten 90 % der Ziegenhalter Bestände von weniger als 25 Ziegen – die wenigsten halten diese Ziegen aus wirtschaftlichen Motiven. Bisher ist unbekannt, ob die Produktion von Ziegenmilch überhaupt wirtschaftlich ist. Ziel der Studie war es, den Betriebszweig wirtschaftlich zu analysieren und Erfolgsfaktoren zu identifizieren.

    Von den 40 grössten Betrieben, die im Schweizerischen Ziegenzuchtverband (SZZV) organisiert sind und mindestens 50 gemolkene Ziegen halten, wurden deshalb 12 Betriebe selektiert – mehrheitlich aus der Hügelregion – mit jährlichen Produktionsmengen zwischen 35 und 240 Tonnen. Die mittlere Bestandsgrösse der Stichprobe beträgt 141 Milchziegen. Die Tal- und Hügelbetriebe in der Stichprobe waren diversifiziert und führten entsprechend noch andere Betriebszweige, während nur die drei Bergbetriebe wirklich spezialisiert waren. Die Betriebe wurden einer detaillierten Vollkostenanalyse unterzogen, nachdem sie ihre Buchhaltung zur Verfügung stellten und ergänzende Auskünfte im Rahmen eines Interviews gaben.

    Erfolgreiche Betriebe sparen an Kraftfutter und Maschinen

    Die grösseren Betriebe der Stichprobe wenden signifikant weniger Zeit pro Ziege auf als der Durchschnitt. Sie wirtschaften auch intensiver mit höheren Besatzdichten und höheren Einzeltierleistungen. Unter den wirtschaftlich erfolgreichen Betrieben hat es neben einem grossen Betrieb allerdings auch mittlere bis kleine Betriebe mit mittleren Milchleistungen zwischen 500 und 600 kg pro Ziege und Jahr. Entsprechend gibt es auch keinen Zusammenhang zwischen Milchleistung und Arbeitseinkommen.

    Ein erhöhter Einsatz von Ergänzungsfutter tendiert zu tieferem Einkommen. So haben drei von vier wirtschaftlich erfolgreichen Betrieben nur moderate Kosten für Ergänzungsfutter. Ebenfalls mit einem höheren Einkommen wird belohnt, wer tiefe oder moderate Maschinenkosten aufweist.

    Gestehungskosten fast doppelt so hoch wie der Milchpreis

    Die Berechnung der Gestehungskosten zeigte, dass kein Betrieb seine Kosten decken konnte. Bei einem durchschnittlichen Milchpreis von CHF 1.28 lagen die Gestehungskosten bei CHF 2.40 pro kg Ziegenmilch, was einem Kostendeckungsgrad von nur 53 % entspricht. Hingegen standen die Gestehungskosten in starkem Zusammenhang mit der Produktionsmenge. Werden Betriebe unter 100 Tonnen Produktionsmenge ausgeschlossen, lag der mittlere Kostendeckungsgrad bei immerhin fast 80 %. Wirtschaftlich erfolgreiche Betriebe erreichen hohe Hektareinkommen von CHF 3’000 bis 5’000. Zudem weisen Betriebe über 100 Tonnen Verkaufsmilch deutlich tiefere Gestehungskosten auf und eröffnen damit viel Potential für eine wirtschaftliche Ziegenmilchproduktion.

    Wirtschaftlichkeit mit anderen Milchproduktionsformen vergleichbar

    Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Ziegenmilchproduktion per se nicht weniger wirtschaftlich als die Kuhmilch- oder Schafmilchproduktion. Die untersuchten Ziegenmilchbetriebe wirtschafteten jedoch intensiver als vergleichbare Kuhmilch- und Schafmilchbetriebe. Dies führte je Grossvieheinheit zu höheren Kraftfutterkosten und tieferen Direktzahlungen, was mit etwas tieferen Maschinenkosten wieder kompensiert wurde.

    Fazit

    • In der Schweiz halten rund 90 % der Ziegenhalterinnen und Ziegenhalter weniger als 25 Tiere, wobei hier kaum wirtschaftlichen Motive massgebend sind
    • Je grösser die Betriebe, desto intensiver, arbeitseffizienter und günstiger ist auch die Produktion eines Liters Ziegenmilch
    • Wirtschaftlich erfolgreiche Betriebe müssen aber nicht besonders gross sein – mit mittleren Einzeltierleistungen und gemässigtem Kraftfuttereinsatz lassen sich überdurchschnittlich gute Hektareinkommen erzielen
    • Tiefe Maschinenkosten führen auch auf Ziegenbetrieben zu höheren Hektareinkommen
    • Eine extensivere Produktion, d.h. geringere Besatzdichten bei grösserem Flächenumfang und gleichzeitiger Reduktion des Kraftfuttereinsatzes dürfte beim heutigen Direktzahlungssystem zu höheren Einkommen führen
  • Japankäfer in der Schweiz haben italienische und nordamerikanische Wurzeln

    Japankäfer in der Schweiz haben italienische und nordamerikanische Wurzeln

    Genomanalysen zeigen, dass die Japankäfer-Populationen in der Schweiz unterschiedliche Herkünfte aufweisen. Das weist auf mehrere Eintrags- und Ausbreitungswege hin – ein Wissen, das helfen kann, gezielte Massnahmen zur Prävention oder Eindämmung zu entwickeln.

    Der Japankäfer (P. japonica) stammt ursprünglich aus Japan. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat er sich ausgebreitet und sich sowohl in Nordamerika als auch in Europa zu einem bedeutenden invasiven Schädling entwickelt. Mit dem fortschreitenden Klimawandel wird erwartet, dass er seinen Lebensraum weiter in die nördlichen Regionen beider Kontinente ausdehnen wird, was eine zunehmende Bedrohung für die Landwirtschaft und die Ökosysteme darstellt.

    Der Japankäfer befällt viele wichtige Kulturpflanzen

    P. japonica ernährt sich von über 400 Pflanzenarten, darunter wichtige Kulturpflanzen wie Reben, Mais, Soja, oder Obstbäume. Die adulten Käfer verursachen erhebliche Schäden an Blättern, Blüten und Früchten der Wirtspflanzen.

    Ausbreitung des Schädlings in Europa und der Schweiz

    Die Besiedlung Europas begann in den 1970er Jahren auf den Azoren, gefolgt von Italien im Jahr 2014 und der Südschweiz (Tessin) im Jahr 2017. 2023 wurde nördlich der Alpen in der Nähe des internationalen Flughafens Zürich, eine neue Population identifiziert. Weitere Individuen wurden auch in im Kanton Basel und im Simplon Gebiet (Kt. Wallis) nahe der Grenze zu Italien gefunden.  Im Sommer 2024 wurden Befälle in weiteren Teilen der Schweiz festgestellt, darunter ein weiteres Gebiet im Kanton Wallis sowie vereinzelte Fänge in den Kantonen Aargau, Graubünden, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn und Uri.

    Migrationsmuster erkennen mittels Genom-Analysen

    Um die Ausbreitung und Herkunft von P. japonica in der Schweiz nachzuvollziehen, untersuchten Forschende von Agroscope und der Universität Siena 42 Individuen aus befallenen Gebieten in der Schweiz.

    Analysen der DNA-Sequenzen erlaubten die genetischen Profile der Schweizerischen Japankäfer-Individuen zu bestimmen. Diese wurden mit den Profilen von Individuen aus Italien und Nordamerika verglichen. Damit konnte die Herkunft der Schweizer Individuen ermittelt werden. Die Populationen in Basel, im Wallis und in der Zentralschweiz sind verwandt mit den Populationen aus dem Tessin/Norditalien und gelangten wahrscheinlich über den Strassen- oder Schienenverkehr in die Schweiz. Die Population in der Nähe des Flughafens Zürich hingegen wurde als eigenständige Population identifiziert, die näher verwandt ist mit der Population in Nordamerika. Diese Individuen wurden wahrscheinlich durch Lufttransport importiert.

    Fazit

    • Die Japankäfer-Populationen in der Schweiz weisen unterschiedliche Herkünfte auf. Diese konnten durch Genomanlysen ermittelt werden.
    • Die Populationen in Basel, im Wallis und in der Zentralschweiz zeigen einen hohen Verwandtschaftsgrad mit Individuen aus dem Tessin/Norditalien. Sie gelangten wahrscheinlich über den Strassen- oder Schienenverkehr in die Nordschweiz.
    • Die Population in der Nähe des Flughafens Zürich hingegen wurde als eigenständige Einführung aus Nordamerika identifiziert, wahrscheinlich durch unbeabsichtigten Lufttransport.
    • Ein Verständnis möglicher Einschleppungs- und Verbreitungswege ist wichtig, zur Eindämmung oder sogar Verhinderung einer weiteren Schädlingsverbreitung.
    • Unabhängig von der Herkunft bleiben die Bekämpfungsmassnahmen gleich.
  • In-situ-Erhaltung von Futterpflanzen: Herausforderungen und Perspektiven

    In-situ-Erhaltung von Futterpflanzen: Herausforderungen und Perspektiven

    Die Biodiversität von Grünflächen ist ein wertvolles Gut, das es zu erhalten gilt. Dank einer Evaluation des In-situ-Programms durch Landwirtinnen und Landwirte sowie Fachpersonen konnten Empfehlungen zur Verbesserung dieses Programms abgegeben werden.

    In der Schweiz besteht ein wesentlicher Teil der landwirtschaftlichen Fläche aus Wiesen und Weiden. Diese Flächen zählen zu den wertvollsten Ökosystemen Europas. Verschiedene Agrarumweltmassnahmen zielen auf die Erhaltung ihrer Vielfalt ab, allerdings geht es nur selten um die Erhaltung der Vielfalt innerhalb einer Art (innerartliche Vielfalt).

    Innovatives Programm für die innerartliche Vielfalt

    Das Programm zur In-situ-Erhaltung von Futterbauflächen wurde im Jahr 2023 mit dem Ziel lanciert, die innerartliche Vielfalt der wilden Verwandten von Kulturpflanzen oder Pflanzen, die als Futterpflanzen genutzt werden, zu erhalten (Abb. 1).

    Eine erste Evaluation des Programms, an der sich über tausend Landwirtinnen und Landwirte beteiligten, ermöglichte es, den Betriebstyp auszumachen, der am ehesten an diesem Programm teilnimmt, und die Beweggründe der Bewirtschaftenden für eine Teilnahme nachzuvollziehen. Bei grösseren Betrieben in Höhenlage mit Label ist die Chance, dass sie am In-situ-Programm teilnehmen, tendenziell höher.

    Erste Erkenntnisse und Verbesserungsmöglichkeiten

    Im vorliegenden Artikel gehen fünf Fachpersonen auf die ersten Erkenntnisse aus der Evaluation ein, um aufzuzeigen, wie die Wirksamkeit und Effizienz des In-situ-Programms verbessert werden können. Zudem bieten sie einen Ausblick auf zukünftige Möglichkeiten zur Erhaltung der Agrobiodiversität auf Bauernhöfen (Abb. 2).

    Fazit

    • Dank dem In-situ-Programm kann die genetische Vielfalt von Futterpflanzen erhalten werden.
    • Die Evaluation zeigt, dass das Programm zwar gut angenommen wird, aber Verbesserungspotenzial besteht.
    • In-situ-Flächen sind gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels von besonderer Bedeutung.

  • Das Risiko beim Umgang mit behandeltem Saatgut wird oft unterschätzt

    Das Risiko beim Umgang mit behandeltem Saatgut wird oft unterschätzt

    Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Expositionsrisiko bei Tätigkeiten mit Saatgut, das mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurde, nicht immer richtig eingeschätzt wird. Die Information der landwirtschaftlichen Fachkräfte sollte verbessert werden.

    Im Ackerbau verwendetes Saatgut wird häufig mit Pflanzenschutzmitteln (PSM) behandelt, um es bereits bei der Keimung vor Krankheiten und Schädlingen zu schützen. Bei der Handhabung dieses Saatguts kann Staub entstehen, der Reste von Wirkstoffen enthält. In der Schweiz müssen Säcke mit behandeltem Saatgut laut Vorschrift einen Hinweis auf die beim Öffnen und Befüllen der Sämaschine zu befolgenden Sicherheitsmassnahmen enthalten. Diese Vorgaben betreffen insbesondere das Tragen geeigneter Schutzhandschuhe sowie die Vermeidung der Bildung und des Einatmens von Staub. Das tatsächliche Risikobewusstsein und -verständnis sowie die praktische Durchführung der Massnahmen durch die beruflichen Anwenderinnen und Anwender sind jedoch bislang kaum dokumentiert.

    Vor diesem Hintergrund hat Agroscope mit den Partnern Unisanté, Proconseil und dem Kanton Waadt im Rahmen einer Studie evaluiert, inwieweit die Sicherheitshinweise auf den Säcken mit behandeltem Saatgut von beruflichen Anwenderinnen und Anwendern in der Schweiz tatsächlich wahrgenommen und befolgt werden. Zudem sollte ein eventueller Bedarf an zusätzlichen Informationen oder Erklärungen zu den Risiken beim Umgang mit behandeltem Saatgut identifiziert werden.

    2024 wurde bei einer repräsentativen Stichprobe von landwirtschaftlichen Fachkräften, die mit Saatgut umgehen, eine Online-Umfrage durchgeführt. Die erhobenen Daten beziehen sich auf berufliche Praktiken, Risikobewusstsein, Verständnis der gesetzlichen Vorschriften über die Handhabung von Saatgut, Identifizierung von risikobehafteten Tätigkeiten und Verwendung von persönlichen Schutzausrüstungen.

    Risiken werden oft unterschätzt

    Die Mehrheit der 190 Befragten gab an, bei Tätigkeiten mit Saatgut und vor allem beim Befüllen der Sämaschine Staub ausgesetzt zu sein. Insbesondere bei jüngeren Personen wurde eine starke Diskrepanz zwischen Risikowahrnehmung und entsprechendem Schutz festgestellt.

    Obwohl die meisten Befragten angaben, die Etiketten auf den Saatgutverpackungen mit Informationen über die Pflanzenschutzmittel, deren Schädlichkeit und über die Vorsichtsmassnahmen bei der Verwendung zu lesen, ist das Risikoverständnis besonders bei Tätigkeiten, die Schutzmassnahmen erfordern, lückenhaft.

    Verbesserungsbedarf bei Kommunikationsstrategien

    Die Ergebnisse zeigen einen Verbesserungsbedarf bei den Strategien zur Kommunikation der Risikoexposition auf. So sollen besonders die Angaben auf den Etiketten aussagekräftiger formuliert werden. Die gesetzlichen Vorschriften sollten durch an die verschiedenen Anwendergruppen angepasstes Informationsmaterial ergänzt werden, um sie besser für die Schutzmassnahmen bei Risikotätigkeiten während der Aussaat zu sensibilisieren.

    Fazit

    • Anwenderinnen und Anwender können bei der Arbeit mit Saatgut Staub ausgesetzt sein, insbesondere beim Befüllen der Sämaschine
    • Vor allem bei jungen Befragten wurde eine starke Diskrepanz zwischen Risikobewusstsein und entsprechendem Schutz festgestellt.
    • Obwohl die meisten Befragten angaben, die Etiketten auf den Saatgutverpackungen zu lesen, ist das Risikoverständnis besonders bei Tätigkeiten, die Schutzmassnahmen erfordern, lückenhaft.
    • Die gesetzlichen Vorschriften sollten durch zielgruppenspezifisches Informationsmaterial ergänzt werden.
  • Wasserlinsen: eine zukünftige Futterkomponente zur Schliessung von Stickstoff-Kreisläufen?

    Wasserlinsen: eine zukünftige Futterkomponente zur Schliessung von Stickstoff-Kreisläufen?

    Wasserlinsen können auf nährstoffreichen Gewässern, sowie auch Abwässern oder Hofdünger effizient proteinreiche Biomasse bilden und dabei Stickstoff und Phosphor binden. Dies könnte Potenziale für eine moderne Kreislaufwirtschaft haben.

    Am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau in Frick wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Versuche auf verschiedenen Skalen durchgeführt, um die Möglichkeiten und Herausforderungen für die Produktion von Wasserlinsen auf verdünntem Hofdünger zu evaluieren und entwickeln. Da Wasserlinsen effizient lösliche Stickstoff- und Phosphorverbindungen aus dem Nährmedium aufnehmen und eine proteinreiche Biomasse bilden, könnten sie als Bindeglied eines kurzen betriebsinternen N-Kreislaufs dienen. Stickstoffüberschüsse aus dem Hofdünger könnten abgereichert und gleichzeitig ein alternativer Proteinträger für die Tierernährung produziert werden.

    Optimale Bedingungen für die Produktion von Wasserlinsen

    Die grundsätzliche Machbarkeit konnte auf verschiedenen experimentellen Skalen gezeigt und optimiert werden. Bei optimalen Verdünnungen von Gülle (acht Teile Wasser, ein Teil Gülle), respektive Ammonium-N-Konzentrationen (rund 20 mg/L) werden Stickstoff- und Phosphorverbindungen aus dem Medium effizient in Pflanzenmaterial mit rund 30 % Rohprotein in der Trockensubstanz umgewandelt. Auf diese Weise liessen sich rund 180 kg TS pro 100 m2 und Jahr produzieren. Auf einen Hektar hochgerechnet wäre dies, wenn auch ein theoretischer Wert, ein Ertrag von rund sechs Tonnen Rohprotein pro Jahr.

    Ökologische Bewertung des Verfahrens

    Da es aber auch zu Stickstoffverlusten kam, ist die Messung und kalkulatorische Einordnung von Ammoniak- und Lachgasemissionen eine noch ausstehende wesentliche Voraussetzung für die gesamtökologische Einordnung eines solchen Verfahrens. Eine Studie hierzu wird gegenwärtig am FiBL ausgewertet.

    Verarbeitung und Einsatz in der Tierernährung

    Eine weitere Herausforderung liegt noch in der Prozessierung, v.a. Trocknung und Hygienisierung, der Biomasse. Es konnte gezeigt werden, dass die hygienische Qualität in aller Regel, aber nicht immer, sehr hoch war, und dass v.a. durch entsprechende Lagerung der Gülle vor dem Einsatz als Medium das Problem stark eingrenzt. Für die Verarbeitung kommt neben der Trocknung auch die Silierung in Betracht und konnte im Labormassstab mit guten Ergebnissen durchgeführt werden.

    Fischfütterungsversuche zeigten eine generelle Eignung als Fischmehlersatz und deren Grenzen. Geflügelfütterungsversuche sind für die nahe Zukunft am FiBL geplant.

    Fazit

    • Die Produktion von Wasserlinsen auf flüssigen Hofdüngersubstraten bietet einen innovativen Ansatz zur Schliessung von Stoffkreisläufen und als alternative Eiweissquelle für die Ernährung von Fischen sowie wahrscheinlich auch Geflügel oder Schweinen.
    • Bis zur tatsächlichen Praxisreife müssen im Verfahren noch verschiedene Schritte optimiert und Herausforderungen – insbesondere in den Bereichen Hygiene und Prozessierung – gelöst werden.
    • Die Ergebnisse der FiBL-Versuche sprechen dafür, dass es sich lohnt, diesen Weg weiter zu verfolgen. Ein wichtiger nächster Schritt ist die Etablierung von Pilotanlagen auf privaten landwirtschaftlichen Betrieben.
  • Stabilere Backqualität von Weizen dank Sortenmischungen

    Stabilere Backqualität von Weizen dank Sortenmischungen

    Sortenmischungen bilden eine effiziente Strategie zur Abmilderung der Auswirkungen wechselnder abiotischer Bedingungen und zur Beibehaltung einer stabilen Mehlqualität, wie eine Studie von Agroscope zeigt.

    Die Diversifizierung der Agrarsysteme stellt ein vielversprechendes Mittel dar, um die Resilienz der Landwirtschaftsproduktion zu steigern. Insbesondere Sortenmischungen wecken in Europa als praktische Möglichkeit zur Stabilisierung des Weizenertrags wachsendes Interesse. Ihr Einfluss auf die Backqualität von Weizen ist jedoch bislang kaum dokumentiert.

    Die Studie untersuchte die Auswirkungen der Sortenmischungen auf die Qualität von Körnern und Mehl sowie auf die Stabilität von deren Qualität. Das Experiment umfasste acht in Reinkultur angebaute Schweizer Weizensorten (Molinera, Bodeli und CH211.14074 in der Klasse TOP, Schilthorn, Falotta, Campanile und CH111.16373 in der Klasse 1 und Colmetta in der Klasse 2) in allen möglichen Mischungen von zwei Sorten sowie in einer Mischung von acht Sorten. Der Versuch wurde während drei Jahren (2020/2021, 2021/2022 und 2022/2023) an drei unterschiedlichen Standorten durchgeführt (Changins, Delley und Utzenstorf). So konnte die Stabilität der Backqualität in den Mischungen und Reinkulturen beurteilt werden.

    Konstante Qualität in den Mischungen

    Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mischungen im Durchschnitt verglichen mit den Reinkulturen unverändert oder leicht negativ auf die meisten Mehlqualitätsparameter auswirkten.Die Studie zeigt bei Mischungen aus zwei Sorten, dass die Qualitätseinstufung der niedrigsten Qualitätsklasse ihrer Bestandteile entspricht (eine Mischung C1-TOP würde z. B. als C1 eingestuft werden, C1-C2 als C2 und C2-TOP als C2). Allerdings ist auch zu beachten, dass Mischungen derselben Qualitätsklasse in dieser Klasse verbleiben (d. h. eine TOP-TOP-Mischung bleibt als TOP eingestuft). Zudem erzielten Mischkulturen der Studie zufolge generell einen vergleichbaren Ertrag wie Reinkulturen.

    Diese Auswirkungen waren nicht auf Änderungen des Sortenverhältnisses in den Mischungen zurückzuführen, sondern auf sortenspezifische Reaktionen auf den Anbau in einer Mischung.

    Höhere Stabilität in unterschiedlichen Umgebungen

    Durch die Mischungen konnte die Qualitätsbeständigkeit unter allen untersuchten Umweltbedingungen verbessert werden. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Mischungen Umweltveränderungen durch die Kompensation der Sorten abmildern, während Reinkulturen aufgrund ihrer einheitlichen Reaktion eher extreme (hohe oder niedrige) Qualitätswerte aufweisen.

    So eignen sich Sortenmischungen womöglich besonders gut für variierende Umgebungen, in denen sie wahrscheinlich eine besser vorhersehbare Leistung erzielen als Reinkulturen. Das Konzept wurde mit Blick auf die Ertragsstabilität bei Sortenmischungen bereits umfassend untersucht und bestätigt; laut unseren Ergebnissen gilt dies auch für die Qualitätsparameter. Die Sortenvielfalt bietet also neben der Produktivität noch weitere Vorteile.

    Fazit

    • Die Mischung verschiedener Weizensorten hat verglichen mit Reinkulturen keinen Einfluss auf die Mehlqualität.
    • Die Qualität einer Mischung entspricht in etwa der Qualität ihres qualitativ schwächeren Bestandteils.
    • Sortenmischungen stabilisieren die Mehlqualität in veränderlichen Umgebungen – ein Hinweis darauf, dass sie die Auswirkungen abiotischer Schwankungen auf die Backqualität abmildern können.