Blattdüngung im Weinbau: begrenzte Wirksamkeit organischer Formen auf den Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most
Foto: Agroscope
Im Weinbau lässt sich durch eine Blattdüngung mit organischen Stickstoff-Formen der Gehalt an assimilierbarem Stickstoff im Most nur begrenzt erhöhen. Mineralischer Stickstoff ist bei der Blattdüngung weiterhin am wirkamsten.
Eine bedarfsgerechte Mineralstoffversorgung der Rebe ist für den Ertrag und die Qualität der Trauben entscheidend. Eine ausgewogene Stickstoffversorgung ist dabei besonders wichtig, da sie nicht nur die Entwicklung der Rebe beeinflusst, sondern auch die Gärung und die Aromabildung der Weine. Die Rebe ist hauptsächlich auf den mineralischen Stickstoff des Bodens (in Form von Nitrat und Ammonium) angewiesen. Die Aufnahme wird jedoch massgeblich von den klimatischen Bedingungen und der Bodenbeschaffenheit bestimmt: Heisse und trockene Jahre sowie verdichtete tonig-kalkhaltige Böden, die eine flache Durchwurzelung begünstigen, führen häufig zu Mosten mit geringerem Stickstoffgehalt. Die Stickstoffversorgung sollte daher im Rahmen eines umfassenden Ansatzes erfolgen, bei der die Wahl des Pflanzenmaterials, das Bodenmanagement sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Blattfläche und Ertrag berücksichtigt wird. Dennoch kann eine Zusatzdüngung erforderlich sein, um die Produktivität langfristig aufrechtzuerhalten.
Die Blattdüngung mit Harnstoff zum Reifebeginn (Véraison) als Ergänzung zu einer Stickstoffdüngung im Frühjahr über den Boden ist eine bewährte Massnahme, um den Stickstoffgehalt des Mostes zu erhöhen, ohne die Wuchskraft übermässig zu fördern. Die Blattdüngung beruht auf der passiven Aufnahme der Nährstoffe über die Kutikula und die Spaltöffnungen der Blätter und ermöglicht eine rasche Umwandlung des mineralischen Stickstoffs in Aminosäuren. Im biologischen Weinbau ist der Einsatz von Stickstoff in leicht pflanzenverfügbarer mineralischer Form untersagt. Es werden deshalb organische Blattdünger angewendet, deren Wirksamkeit hinsichtlich der Erhöhung des assimilierbaren Stickstoffs im Most bislang jedoch nicht eindeutig belegt ist.
Organische Stickstoff-Formen weniger wirksam
In einem von 2023 bis 2025 an Chasselas-Reben bei Agroscope in Pully (Schweiz) durchgeführten Versuch wurden fünf zum Zeitpunkt der Reifung als Blattdüngung ausgebrachte Stickstoffdünger verglichen (Vinasse, Glycinbetain, Azotobacter salinestris, pflanzliche Proteine und ein mineralischer Stickstoffdünger). Als Kontrolle dienten Reben ohne Düngung. Erfasst wurden Parameter der vegetativen Entwicklung (Schnittholzgewicht, Blattfläche und Chlorophyllindex) und des Ertrags sowie die Zusammensetzung der Moste zum Zeitpunkt der Weinlese. Die Ergebnisse zeigen einen starken Einfluss des Jahrgangs auf Wuchskraft, Ertrag und Reifung. Unabhängig vom geprüften Dünger blieb jedoch ein Mangel an assimilerbarem Stickstoff bestehen (weniger als 140 mg N/l). Die mineralische Blattdüngung (Ammonium und Harnstoff) erhöhte die Stickstoffkonzentration im Most am wirksamsten. Die organischen Formen waren deutlich weniger wirksam und einige hatten bei den untersuchten Dosen und Applikationszeitpunkten sogar phytotoxische Effekte (Abbildung 1). Diese Ergebnisse zeigen die begrenzte Wirksamkeit einer organischen Blattdüngung zum Zeitpunkt der Reifung, um einen Stickstoffmangel im Most zu beheben. Sie sprechen für Strategien mit einer Bodendüngung sowie früher im Vegetationszyklus angewendete und stärker aufgeteilte Blattapplikationen.

Fazit
- Eine Blattdüngung zum Zeitpunkt der Reifung reicht nicht immer aus, um den Gehalt an assimilerbarem Stickstoff im Most auf über 140 mg N/l zu erhöhen, der für einen guten Gärverlauf erforderlich ist.
- Stickstoff in mineralischer Form erwies sich als wirksamer und kostengünstiger als die untersuchten organischen Formen, bei denen die Stickstoffassimilation eingeschränkt ist und phytotoxische Effekte und Ertragseinbussen auftreten können.
- Deshalb ist ein ganzheitliches Management der Stickstoffversorgung Priorität. Für die organische Blattdüngung sollten aufgeteilte und zu einem früheren Zeitpunkt angewendete Dosen untersucht werden, mit einem Schwerpunkt auf der Unterstützung des vegetativen Wachstums und nicht auf einer späten Korrektur des Stickstoffgehalts im Most.
Literaturhinweis
Fertilisation foliaire en viticulture: efficacité limitée des formes organiques sur l’azote assimilable des moûts.



